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Full text: Architektonische Monatshefte, 9. Jahrgang 1903

1903 
ARCHITEKTONISCHE MONATSHEFTE 
Heft 5 
Fig. 18. Rathaus in Krempe. 
Hintergiebel. 
sammengeschnürt, so dass sie 
Figur erhält. 
Die Einfahrtsthüren der 
Gasthöfe u. s. w. bestehen 
wie die bäuerliche Grotdör 
aus drei Teilen, den beiden 
grossen Flügeln und der für 
sich zu öffnenden Mittelthür. 
Bisweilen ist die Mittelthür 
auch wieder zweiflügelig. Die 
Ausstattung ist einfach, aber 
wirksam durch die originelle 
Zusammenfügung der Bretter 
im Verein mit einigen geo 
metrischen Zierstücken, Qua 
draten, Rauten, Rosetten, 
Leisten, Fensterchen. (Fig. 17). 
Die innere Einteilung 
des alten Bürgerhauses ist 
im Grunde nur eine zweck- 
gemässe Weiterbildung des 
Bauernhauses. Die zum Teil 
hoch liegende Hausthür führt 
auf die Diele, an die sich auf einer oder beiden Seiten die 
Zimmer anschliessen. Läden öffnen sich gegen die Diele. In 
eng gebauten Städten liegt die Haus 
thür in der Strassenfront, sonst auch 
wohl seitwärts. Die Einfahrt liegt 
meist an der Seite, selten in der Mitte. 
Enge Zwischenräume zwischen zwei 
Nachbarhäusern sind bisweilen (Glück 
stadt) durch einfache, aber doch nette 
Verbretterung, die manchmal eine 
schmale Thür bildet, verschlossen. 
Von der Diele führt eine hintere Thür 
in den Garten oder Hof oder in einen 
Anbau; bisweilen, namentlich bei den 
grossen Dielen der alten Kaufmanns 
häuser, die als Lagerraum dienten, ist 
in der Hinterwand ein grosses licht 
spendendes Fenster. Im Einfamilien 
hause führt die Treppe von der Diele 
aus nach oben, in Häusern für mehrere 
Familien geht sie von der Strasse aus 
empor; in den hügeligen Teilen Altonas 
führt eine Freitreppe vor dem Hause 
ins obere Stockwerk. Die Vortreppe 
des Hauses hat man gern als gele 
gentlichen Sitzplatz benützt (sog. Bei 
schlag), indem man die Wangen zu 
Bänken umbildete. 
Fig. 20. Stuhl aus der Wilstermarsch. 
(Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg.) 
Fig. 19. Glockenturm in Koldenbüttel. 
Von Strassentypen sind hervorzuheben die Erkerstrassen 
Tonderns und Husums, die baumgezierten Grachten oder 
Flethstrassen in Glückstadt und 
Friedrichstadt und die Hafen 
strassen Altonas wegen der Vor 
kehrungen zum Schutze gegen 
Ueberschwemmungsgefahr: Dop 
pelrillen in den Umfassungen 
derThüren und Fenster des Unter 
geschosses zum Einsetzen von 
wasserdichten Schotten. Husum 
hat in seiner grossen Strasse eine 
echte breite Handelsstadtstrasse, 
die an Lüneburgs »Auf dem Sande« 
erinnert. Eine typische Deich 
strasse ist die Hafenstrasse Glück- 
stadts. Malerisch sind die zum 
Wasser hinabführenden engen 
Fischergassen des Holm zu 
Fig - 21 iAUo U „a 1 er a Mu d seu ra P r sleL Schleswig Miniaturstrassen, 
wie die Häuser Miniatur 
häuser sind -, ferner die 
Bergstrassen in Blankenese 
und Lauenburg. 
An künstlerisch be 
deutsamen und volkstüm 
lichen Rathäusern ist das 
Land arm. Die zu Krempe 
und Wüster sind wohl die 
hervorragendsten, beides 
recht anmutende Fach 
werkbauten. 
Die kirchliche Bau 
kunst (vergl. Haupts Bau- 
u. Kunstdenkmäler Schles 
wig-Holsteins) beginnt 
recht urwüchsig, volkstüm 
lich naiv mit kleinen der 
ben Feldsteinkirchen, deren 
besterhaltene die in Prons 
torf in Wagrien ist. Aus späterer Zeit finden sich manche an 
mutige, offenbar in Zusammenhang mit der sonstigen volks 
tümlichen Kunst stehende Kirchen, sowie eigenartig male 
rische Erscheinungen. Vielfach begegnen wir noch hölzernen 
viereckigen oder runden Glockentürmen, getrennt von der Kirche 
stehend, oder ihnen vorgesetzt, von kraftvoller, wenn schon ein 
facher Erscheinung. Die naiv volkstümliche Art, einen runden 
oder vieleckigen Helm auf viereckiges Gestell aufzusetzen, ist 
in Zarpen auch bei einem Steinturm festgehalten worden. Auch 
sonst giebt es allerlei interessante Türme, die vor unsern 
modernen durch Kraft und Würde sich auszeichnen. 
Wenden wir uns zum Kunstgewerbe. 
Auf diesem Gebiete ist gerade in Schleswig-Holstein in 
letzter Zeit ausserordentlich fleissig 
und erfolgreich gesammelt worden, die 
Museen in Hamburg, Flensburg, Al 
tona, Meldorf, Kiel, die kleinen in Glück 
stadt, Husum u. a. enthalten eine Fülle 
interessanten Materials. Besonders 
gänzend werden vermutlich die Schätze 
des Flensburger Museums nach ihrer 
Aufstellung sich darbieten; es ist na 
mentlich einzigartig reich an mittel 
alterlichen Schleswig-holsteinischen 
Möbeln interessantester Art, deren 
Erwerbung Direktor Sauermanns schar 
fem Blick für das Volkstümliche zu 
danken ist. 
Im Altonaer Museum sehen wir 
auch im volkstümlichen Kunstgewerbe 
den Einfluss der alten Stammesunter 
schiede walten, am auffallendsten an 
den fünf schleswig-holsteinischen Bauernstuben. Hier die 
prunkvolle Wilstermarschstube mit ihrer herrlichen unbemalten 
Barockschnitzerei, da die durch 
festliche Behaglichkeit ausge 
zeichnete westholsteinische 
Prunkstube, der Pesel aus 
Nordfriesland, geschnitzt, be 
malt, mit buntem Steinzeug 
und glitzernden »Schientellern« 
reich geschmückt, da eine 
Kachelstube aus Dithmarschen, 
da eine farbenfreudige kleine 
Blankeneser Fischerstube (vom 
gegenüber belegenen Alten 
lande, dessen Bewohner flä 
mischen Ursprungs sind, be 
einflusst), dort ein einfaches, 
aber anmutiges, ganz getäfeltes 
Zimmer aus der Propstei. 
. , , , . • , Fis;. 22. Stuhl aus Gjenner, Nordschleswig;. 
Mehr oder weniger zeigt 6 (Flensburger Museum.) 
22
	        
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