Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Die Sammlung antiker Vasen und Terracotten im K. K. Oesterreich. Museum

XXII

Zur  Geschichte  der  griechischen  Keramik.

zweite  Bild,  in  welchem  er  den  milden  Regungen  zugänglichen  Helden  vorführt.  Die
F'reunde,  welche  um  Rettung  flehend  zu  ihm  kommen,  entlässt  Achilles  unverrichteter
Sache,  dem  Priamos,  welcher  um  den  Leichnam  des  Sohnes  bittet,  willfahrt  er.  Im  Stile
erinnert  unser  Skyphos  lebhaft  an  die  Art  des  genialen  Brygos,  wenn  auch  zugegeben
werden  muss,  dass  er  mit  seiner  feierlichen  Ruhe  und  Würde  gegen  das  stürmische  Leben,
welches  die  signirten  Werke  dieses  Meisters  kennzeichnet,  sehr  stark  absticht.  —  Hydria
und  Amphora  verändern  im  rothfigurigen  Stile  bald  ihre  Form,  werden  schwungvoller
und  schleifen  die  scharfen  Trennungen  ab;  bei  der  Hydria  rückt  das  Bild  bald  auf  die
Schulter  hinauf  (vgl.  Taf.  VII,  331  gegen  Taf.  IV,  222).  Neben  der  eigentlichen  Amphora,  die
gerne  nur  eine  Figur  auf  jeder  Seite  zeigt  (Taf.  VI,  332),  tritt  die  schlauchförmige  Pelike
(Taf.  VI,  334)  in  den  Vordergrund.  Wir  heben  aus  unserem  Besitze  hervor  Nr.  333  mit
der  interessanten  Darstellung  der  Ermordung  des  Aegisth,  weiter  als  ein  Cabinetstück
antiker  Genremalerei  Nr.  335  mit  Fischerscenen,  die  frisch  und  humorvoll  empfunden
sind  wie  alles,  w T as  griechisches  Handwerk  schuf,  wenn  es  einmal  die  breitgetretenen
Pfade  des  Ueberlieferten  verliess  und  sich  in  der  umgebenden  Wirklichkeit  umsah.
In  dem  vorliegenden  Katalog  sind  sämmtliche  attische  Vasen  mit  rothen  Figuren
in  eine  Gruppe  vereinigt  worden.  Bei  ihrer  geringen  Anzahl  empfahl  es  sich,  sie  nicht
nach  zeitlichen  Ansätzen  in  Unterabtheilungen  zu  gliedern,  sondern  alle  Gefässe  einer  und
derselben  Form,  mögen  sie  auch  chronologisch  noch  so  weit  voneinander  getrennt  sein,
beieinander  zu  belassen,  wobei  nur  die  älteren  Gefässformen  naturgemäss  den  später
ausgebildeten  vorangehen.  Bei  den  einzelnen  Vasen  wurde  in  Anlehnung  an  den  üblichen
Brauch  eine  relative  Zeitbestimmung  durch  die  Bezeichnung  »strenger  Stil,  Uebergangszeit
  zum  schönen  Stil,  schöner  Stil«  gemacht.  Auf  absolute  Zeitangaben  müssen  wir  gegenwärtig ­
  verzichten,  da  fast  alle  Anhaltspunkte,  nach  denen  man  noch  vor  Kurzem  die
Vasen  in  die  einzelnen  Decennien  des  5.  Jahrhunderts  oder  in  das  4.  Jahrhundert  setzen
zu  dürfen  glaubte,  sich  als  hinfällig  erwiesen  haben.  Namentlich  darüber,  wie  weit  die
attische  Vasenfabrication  in  das  4.  Jahrhundert  reicht,  sind  wir  noch  vollständig  im  Unklaren. ­
  Indem  wir  uns  also  vorläufig  mit  relativen  Zeitangaben  begnügen,  erscheint  es
nothwendig,  den  Begriff  des  schönen  Stiles  gegenüber  dem  des  strengen  Stiles  zu  definiren.
Dass  bei  der  Bezeichnung  »Uebergangszeit«  der  Versuch  einer  Definition  versagen  muss,
liegt  im  Wesen  der  Sache.
Strenger  Stil  und  schöner  Stil  verhalten  sich  zueinander  wie  Frührenaissance
und  Hochrenaissance  (sammt  Barocke),  vielleicht  auch  in  der  zeitlichen  Ausdehnung.  Im
strengen  Stile  und  in  der  Frührenaissance  ein  jugendfrischer,  fast  spielend  leichter  Anstieg ­
  zur  Höhe;  im  schönen  Stile  und  in  der  Hochrenaissance  eine  ruhige,  allmälige  Fortentwicklung, ­
  ein  langes  Beharren  bei  dem  Erreichten,  ein  langsames  Ausleben;  auf  die
Gebundenheit,  Strenge  und  Herbigkeit  des  Vorgängers,  auf  seine  noch  unvollkommene  Kenntniss
  der  Proportionen  des  menschlichen  Körpers  folgt  die  Freude  an  dem  anmuthig  Bewegten, ­
  an  der  Schönheit  des  Einzelmotivs;  an  Stelle  einer  peinlich  sorgfältigen,  aber
befangenen  Technik  tritt  eine  freie,  souveräne  Beherrschung  ihrer  Mittel,  an  Stelle  einer
liebevoll  realistischen  und  treuen  Wiedergabe  von  Einzelheiten,  wie  Gewandung,  Bewaffnung, ­
  Mobiliar  u.  s.  w.,  durch  welche  die  Werke  des  strengen  Stiles  wie  der  Frührenaissance ­
  zu  so  unmittelbaren  Quellen  für  die  Kenntniss  der  Dinge  ihrer  Zeit  werden,
finden  wir  nun  eine  in’s  Grosse  gehende  Auffassung  und  eine  Idealisirung,  welche  diese
Aeusserlichkeiten  in  den  Hintergrund  drängt  oder  sich  in  Widerspruch  zu  dem  Costüm
der  Zeit  setzt.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.