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Zur Geschichte der griechischen Keramik.
zweite Bild, in welchem er den milden Regungen zugänglichen Helden vorführt. Die
F'reunde, welche um Rettung flehend zu ihm kommen, entlässt Achilles unverrichteter
Sache, dem Priamos, welcher um den Leichnam des Sohnes bittet, willfahrt er. Im Stile
erinnert unser Skyphos lebhaft an die Art des genialen Brygos, wenn auch zugegeben
werden muss, dass er mit seiner feierlichen Ruhe und Würde gegen das stürmische Leben,
welches die signirten Werke dieses Meisters kennzeichnet, sehr stark absticht. — Hydria
und Amphora verändern im rothfigurigen Stile bald ihre Form, werden schwungvoller
und schleifen die scharfen Trennungen ab; bei der Hydria rückt das Bild bald auf die
Schulter hinauf (vgl. Taf. VII, 331 gegen Taf. IV, 222). Neben der eigentlichen Amphora, die
gerne nur eine Figur auf jeder Seite zeigt (Taf. VI, 332), tritt die schlauchförmige Pelike
(Taf. VI, 334) in den Vordergrund. Wir heben aus unserem Besitze hervor Nr. 333 mit
der interessanten Darstellung der Ermordung des Aegisth, weiter als ein Cabinetstück
antiker Genremalerei Nr. 335 mit Fischerscenen, die frisch und humorvoll empfunden
sind wie alles, w T as griechisches Handwerk schuf, wenn es einmal die breitgetretenen
Pfade des Ueberlieferten verliess und sich in der umgebenden Wirklichkeit umsah.
In dem vorliegenden Katalog sind sämmtliche attische Vasen mit rothen Figuren
in eine Gruppe vereinigt worden. Bei ihrer geringen Anzahl empfahl es sich, sie nicht
nach zeitlichen Ansätzen in Unterabtheilungen zu gliedern, sondern alle Gefässe einer und
derselben Form, mögen sie auch chronologisch noch so weit voneinander getrennt sein,
beieinander zu belassen, wobei nur die älteren Gefässformen naturgemäss den später
ausgebildeten vorangehen. Bei den einzelnen Vasen wurde in Anlehnung an den üblichen
Brauch eine relative Zeitbestimmung durch die Bezeichnung »strenger Stil, Uebergangszeit
zum schönen Stil, schöner Stil« gemacht. Auf absolute Zeitangaben müssen wir gegenwärtig
verzichten, da fast alle Anhaltspunkte, nach denen man noch vor Kurzem die
Vasen in die einzelnen Decennien des 5. Jahrhunderts oder in das 4. Jahrhundert setzen
zu dürfen glaubte, sich als hinfällig erwiesen haben. Namentlich darüber, wie weit die
attische Vasenfabrication in das 4. Jahrhundert reicht, sind wir noch vollständig im Unklaren.
Indem wir uns also vorläufig mit relativen Zeitangaben begnügen, erscheint es
nothwendig, den Begriff des schönen Stiles gegenüber dem des strengen Stiles zu definiren.
Dass bei der Bezeichnung »Uebergangszeit« der Versuch einer Definition versagen muss,
liegt im Wesen der Sache.
Strenger Stil und schöner Stil verhalten sich zueinander wie Frührenaissance
und Hochrenaissance (sammt Barocke), vielleicht auch in der zeitlichen Ausdehnung. Im
strengen Stile und in der Frührenaissance ein jugendfrischer, fast spielend leichter Anstieg
zur Höhe; im schönen Stile und in der Hochrenaissance eine ruhige, allmälige Fortentwicklung,
ein langes Beharren bei dem Erreichten, ein langsames Ausleben; auf die
Gebundenheit, Strenge und Herbigkeit des Vorgängers, auf seine noch unvollkommene Kenntniss
der Proportionen des menschlichen Körpers folgt die Freude an dem anmuthig Bewegten,
an der Schönheit des Einzelmotivs; an Stelle einer peinlich sorgfältigen, aber
befangenen Technik tritt eine freie, souveräne Beherrschung ihrer Mittel, an Stelle einer
liebevoll realistischen und treuen Wiedergabe von Einzelheiten, wie Gewandung, Bewaffnung,
Mobiliar u. s. w., durch welche die Werke des strengen Stiles wie der Frührenaissance
zu so unmittelbaren Quellen für die Kenntniss der Dinge ihrer Zeit werden,
finden wir nun eine in’s Grosse gehende Auffassung und eine Idealisirung, welche diese
Aeusserlichkeiten in den Hintergrund drängt oder sich in Widerspruch zu dem Costüm
der Zeit setzt.