Neben der Einrichtung der Wände des Kirchenraumes mit Bildern religiöser Szenen
nach bestimmten Programmen (Giordan, E., „Das mittelbyz. Ausschmückungs
system als Ausdruck eines hieratischen Bildprogrammes“, Jb. d. österr. byz. Ges.,
Wien 1951, S. 103 ff) wurde nun auch für die Ikonostasis gewisse Bilderfolgen ent
wickelt. In den idealen Fällen ist die Wand in der unteren Zone mit größeren Ikonen
von Einzelfiguren besetzt, deren zentrale Gruppe die Deesis ist. In der oberen Zone
wurde meist eine Reihe kleinerer Bilder mit den wichtigsten Christus- und Marien
szenen angebracht, die die Hauptfeste des Kirchenjahres wiedergeben. Dieser
„Dodekaeorton“ (12 Feste Zyklus) umfaßt im 12. Jahrhundert für gewöhnlich:
1. Verkündigung, 2. Geburt Christi, 3. Verklärung Christi auf dem Berg Tabor,
4. Auferweckung des Lazarus, 5. Anastasis (Christus in der Vorhölle), 6. Christus
erscheint den beiden Frauen, 7. Darbringung im Tempel, 8. Taufe Christi, 9. Einzug
Christi in Jerusalem, 10. Kreuzigung, 11. Himmelfahrt, 12. Pfingsten. Im 14. Jahr
hundert wurden die gleichen Feste in etwas anderer Reihung gegeben: 1. Verkündi
gung, 2. Geburt, 3. Darbringung im Tempel, 4. Taufe, 5. Verklärung, 6. Lazarus,
7. Einzug in Jerusalem, 8. Kreuzigung, 9. Anastasis, 10. Himmelfahrt, 11. Pfingsten,
12. Koimesis (Marientod). Auswahl und Reihenfolge dieser Bilder weisen auf
eine spekulative Grundeinstellung zur Bilderfrage hin. Diese spekulative Grund
einstellung steht mit der durch die Errichtung der Ikonostasis gegebenen Zwei
teilung des Raumes im Zusammenhang, da durch diese — sehr im Gegensatz
zur Liturgie des frühen Christentums und der westlichen Kirche — die Teilnahme
des Einzelnen an der heiligen Handlung zu Gunsten einer vom Gläubigen durch
geführten Kontemplation herabgesetzt wird; diese aber wird durch das Hören der
Hymnen einerseits und durch das Betrachten und Verehren der Bilder andererseits
nicht nur gefördert, sondern in gewissen Fällen sogar erst ermöglicht. Dadurch
aber gewinnt das Bild, vorzugsweise das auf der Ikonstasis angebrachte, an Bedeu
tung und religiöser Funktion.
Aus alle dem resultiert die ostkirchliche Überlegung, daß zu einer unveränderlichen
Religion eine unveränderliche Liturgie, wie auch ein unveränderliches Bild gehören.
Daraus entstand das Streben nach Kanon und literarischer Festlegung und die
geringe Variation innerhalb der einzelnen Bildtypen. Alle Besonderheiten, wie das
scheinbar Starre, Kanongebundene und Kopistische der Ikonenmalerei, entspringen
der Absicht, den repräsentativen Bildern heiliger Personen wie heiliger Szenen einen
kontemplativen Charakter und gleichsam die Ausstrahlung des Ewigen zu verleihen.
Stilistische wie regionale und zeitliche Verschiedenheiten spielen dabei eine äußerst
geringe Rolle.
Die historische Ordnung der Ikonen unterliegt mancherlei Schwierigkeiten. Einmal
richtet sich die Wertschätzung einzelner Bilder nie nach ihrer künstlerischen Qualität,
sondern nach Stiftung, Bedeutung in einer Kirche oder einem Kloster und besonderer
Wirkung auf das Volk, insbesondere bei den zahlreich auftretenden „wundertätigen“
Ikonen. Zum anderen tritt die Einzelpersönlichkeit des Malers bis auf ganz wenige
spätere Ausnahmen nahezu nie in Erscheinung. Ferner gilt: je höher die Wertschät
zung, desto stärker sind die Beschädigungen wie durch zu große Hitzeeinwirkung
und Verbrennungen durch die vielen davor angezündeten Kerzen, durch oftmaliges
Betasten und Küssen, wie auch durch die in vielen Fällen sehr brutale Anbringung
von Metallbeschlägen. Auch wechselten die Ikonen oft ihren Standort, da sie trans
portabel sind. Endlich aber entstehen Erkenntnis-Schwierigkeiten durch die relativ
geringe Zahl der auf uns gekommenen frühen Beispiele, die nicht nur auf die oben
beschriebene Art zugrunde gingen, sondern auch durch die Besetzung großer Teile des
Ostgebietes durch die Türken absichtlich vernichtet worden sind. Ein ähnliches Schicksal
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