hinweg zu sehen ist. Der Typus — die stehende Maria hält das Christuskind auf dem
linken Arm und weist mit der Rechten auf Christus hin, der segnend die Schriftrolle
in der Linken hält — ist ein rein spekulativer. Diese Voraussetzung teilt das Bild
mit dem dritten Typus, der Eleousa. Das Bild der Hodegetria dürfte nach einigen
Vorstufen etwa im 8. oder 9. Jahrhundert entstanden sein (Kondekov, N. P., Ikono
graphie der Gottesmutter (russ.), Petersburg, 1915). Der Legende nach wurde ein
Bild wahrscheinlich dieses Typus angeblich von der Kaiserin Endokia 438/9 in
Jerusalem erworben und ihrer Schwägerin, der hl. Pulchesia, geschenkt (Dobschütz,
S. 269). Dieses Bild taucht später als das berühmte Palladion der Hauptstadt auf, ,
das diese vor Feinden bewahren sollte und das bis zum Fall Konstantinopels, in
einem Kloster aufbewahrt, jeweils zu Ostern in den Kaiserpalast überführt wurde
(Henze, C., Lukas der Madonnenmaler, Löwen, 1948). Zeitweilig wurde das Bild
in die Hagia Sophia überbracht, wo es auch wahrscheinlich in der Katastrophe von
1453 zugrunde ging. Es galt als das meist verehrte Bild der Gottesmutter, um das
sich auch die Lukaslegende rankte, die wiederum mit der Legende von der Kaiserin
Eudokia in Verbindung gebracht wurde. Das Palladion jedenfalls war eine Hode
getria, wahrscheinlich die erste dieses Typus. Seiner großen Verehrung wegen wurde
es in sehr großer Zahl kopiert. Für dieses Bild gilt die gleiche Gesetzmäßigkeit der 4
starken Tradition der Form wie für die anderen Marienbilder und das Bild des
Pantokrators. Die stilistischen Unterschiede sind deshalb äußerst minimal. Sie
betreffen eigentlich nur einen gewissen Prozeß einer Seitwärtswendung und einer
Neigung des Kopfes: Die frühen Beispiele — ein ideales ist in der Apsis von Tor
cello — sind fast völlig frontal gegeben mit aufrechtem Kopf und erwecken dadurch
einen besonders feierlichen, strengen und zwingenden Eindruck. In fortschreitender
Zeit wird diese Strenge durch eine Wendung der Maria nach links sowie eine Nei
gung des Kopfes gegen das Christuskind hin gemildert. Innerhalb dieser Veränderung
lassen sich stilistische Unterschiede und Datierungen feststellen. Das große, trotz
seiner Übermalung sehr eindrucksvolle Bild der Hodegetria der Wiener Metropolis
gehört den späteren weicheren und milderen Ausformungen an, obwohl sonst alle
Details dem ursprünglichen Vorbild entsprechen. In der Behandlung der Details
wie der Modellierung der Gesichter, der Form der Augen und der Nase sowie der
Kopfform im ganzen, weiter der Gewandbehandlung, Faltengebung und Strich
technik ist das Bild einigen Werken des kretischen Malermönches Emmanuel Zane
ganz besonders nahe. Zane ist 1610 in Kreta geboren worden und starb 1690 als
Priester in S. Giorgio dei Greci in Venedig (Felicetti, S. 92 mit Literaturangaben).
Im Benakimuseum in Athen existiert von ihm eine Hl. Anna aus dem Jahre 1637
und in Leningrad in der ehern. Sammlung Lichatschev eine Hodegetria von 1681, die
der Wiener Ikone am nächsten kommen, woraus sich jedenfalls eine Zuschreibung
an den veneto-kretischen Kunstkreis und eine Datierung in das späte 17. Jahrhundert
ergibt.
Griechisch-orientalische Metropolis, Wien
31 DARSTELLUNG CHRISTI Farbtafel
Griechisch, Ende 17. Jahrhundert
Eichenholz, Tempera auf Levkas mit Goldgrund
38 : 25,2 cm
Inschrift mit Szenenbezeichnung in Rot. Spätere schwarze Übermalung: der Tauben
käfig des Joseph und die unleserliche Inschrift auf der Schriftrolle der Hannah.
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