159 Karl Trapp,
Die Glasperlen-Erzeugung
..., S. 21
(s. S. 43)
159 Karl Trapp,
The Fabrication of
Glass Beads . . . ,
p. 21 (see p. 43)
erkranken. Ein Heimarbeiter erzeugt im Laufe des Tages 4000 bis 6000 Perlen, eine
Frauensperson hingegen nur 3000 bis 4000 Stücke von dieser Waare.
Lehrlinge werden in der Regel kostenfrei auf die Dauer von 2*/ 2 Jahren in die
Lehre aufgenommen und müssen ihre Krankenkassenbeiträge selbst entrichten. Sie
müssen für den Meister unentgeltlich arbeiten und bekommen gewöhnlich erst im Laufe
des dritten Jahres ein Trinkgeld im Betrage von 50 kr. wöchentlich. Die Modalitäten,
unter welchen die Auslehre der Lehrlinge erfolgt, sind sonst die gleichen, wie bei allen
anderen Handwerkern. Gegenwärtig giebt es in diesem Industriezweige keine Lehrlinge.
Wie bereits gesagt wurde, sind nur die Gesellen und die Lehrlinge bei Krankenkassen
angemeldet. Bei den Heimarbeitern ist die Kranken- und selbstverständlich auch
die Unfallversicherung nicht durchgeführt.
Die Betriebsstätten der Heimarbeiter, wie auch jene der Meister, dienen den
betreffenden Familien gleichzeitig auch als Wohnungen. Nur in einem einzigen Falle fand
sich bei einem Meister eine von seiner Werkstätte getrennte Wohnung vor. In der Regel
sind derartige Arbeits- und Wohnstätten mangelhaft ventiliert, weil die Fenster dortselbst
das ganze Jahr hindurch nicht geöffnet werden.
Der Qualm der Petroleumlampen, bei welchen die ganze Arbeits Schicht hindurch
gearbeitet wird, bleibt gewöhnlich in solchen Räumen für immer stecken. In einer derartigen
Stube, wo 3 Personen durch volle 14 Stunden täglich bei einer qualmenden
Petroleumlampe Perlen erzeugten, wurde die seit mehreren Monaten an Tuberculose
erkrankte Gattin des Meistere im Bette liegend angetroffen; außerdem bewohnte diesen
Raum und schlief auch darin bei Nacht der Meister mit seinen 6 Kindern.
Trotz dieser zahlreichen Belegschaft fiel es Niemandem ein, dass eine Ventilation
dieses Raumes dringend nothwendig wäre. Das Öffnen der Fenster wird in den Kreisen der
Heimarbeiter überhaupt als ein unverzeihlicher Luxus angesehen.
Die meisten Heimarbeiter bewohnen gemiethete Wohnungen, und beträgt der
Miethzins ungefähr 16 bis 24 fl. jährlich.
In den meisten Fällen beginnt die tägliche Arbeitszeit um 6 Uhr früh und dauert
bis 7 Uhr abends. Während dieser Zeit wird bis auf die allernothwendigsten Frühstücks-,
Mittags- und Jausepausen ohne Unterbrechung gearbeitet. An Sonntagen wird nicht
gearbeitet, gewöhnlich auch nicht abgeliefert.
Die wirthschaftliche Lage der Heimarbeiter dieses Industriezweiges ist im Allgemeinen
eine gleich ungünstige, wie jene der in derselben Gegend befindlichen Hausweber.
In den meisten Fällen beträgt der wöchentliche Verdienst der Heimarbeiter
4 bis 4 fl. 50 kr, wovon 25 bis 30 kr. auf Petroleum entfallen. Im Laufe des Jahres verdienen
die Heimarbeiter ungefähr 200 bis 250 fl., wovon zumeist der Miethzins, eventuell
auch der Pachtzins für ein Stück Feld entrichtet werden muss.
Die Nahrung der Heimarbeiter dieses Industriezweiges besteht in erster Reihe aus
Kartoffeln, Brot, Milch und Kaffee; statt Bier wird Brantwein getrunken. Fleisch gehört
zu den allergrößten Luxusartikeln und wird nur an hohen Feiertagen genossen, weil die
kargen Löhne einen öfteren Fleischgenuss nicht zulassen.
Am günstigsten situiert sind natürlich jene Familien, welche ein eigenes Haus
bewohnen und ein Stück Feld oder gar auch eine Kuh besitzen, so dass sie Kartoffeln,
Brot und Milch nicht zu kaufen brauchen; leider sind solche Fälle nur seltene Ausnahmen.
In manchen Familien wird außer der Glasperlenerzeugung auch die Hausweberei
betrieben. So webt z. B. der Familienvater Baumwollstoffe, seine Gattin spult ihm die
Garne und die erwachsenen Söhne und Töchter erzeugen Glasperlen.
Karl Trapp.
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