MOTIVE
Vielfältig und variantenreich sind die Motive aus Glas, die den
Christbaum schmücken: Weihnachtsmänner mit Bäumen, Vögel mit
Schwänzen aus gesponnenem Glas, Fische, Äpfel, Birnen und
Nüsse, Zapfen und Beeren, Pilze und Eicheln. Verschiedenste
Gegenstände wie Körbe, Geldsäcke, Lampen und Ampeln, Häuser
und Kirchen, Uhren und Kannen schwingen an den Ästen, Eisenbahnen,
Autos und Schiffe schaukeln auf den Zweigen, und oben
prangt die Christbaumspitze. Glocken mit Klöppeln aus winzigen
Perlen läuten die Festtage ein, und nahezu unerschöpflich ist die
Fülle der Kugeln, Reflektoren und „Oliven“ („Eier“). Geometrische
und kannelierte Wandungen bilden Formen mit abstrakten Mustern
oder werden zu Gegenständen (Eiszapfen, Regenschirme). Sonnen,
Beeren und Eicheln sind ebenso auf reliefierten Oberflächen
zu finden wie muschelartige Gebilde. An geschliffenes Glas erinnern
facettierte Wandungen.
Der VIKTORIN-Katalog mit seinen vierzehn Bildtafeln bildet die
Grundlage für den nachfolgenden umfassenden Bildteil mit Christbaumschmuck
aus Glas. Ausgewählt wurden vor allem Objekte, deren
Käppchen mit Herkunftsangaben versehen waren: AUSTRIA,
MADE IN AUSTRIA, CZECHOSLOVAKIA, MADE IN CZECHO-SLOVAKIA.
Zu Vergleichszwecken wurden auch unbezeichnete
Stücke abgebildet. In einigen Fällen war eine direkte Gegenüberstellung
von Glasobjekt und Motiv im VIKTORIN-Katalog möglich.
Die Maßangaben beziehen sich meist auf die Höhe des Objekts einschließlich
des Käppchens, ohne den Draht der Aufhängung, der
häufig fehlt. Beschädigte Objekte wurden manchmal aufgenommen,
da sie einen Einblick in das Innere ermöglichen und damit Aufschlüsse
über Herstellungstechniken und Materialien geben.
Zu den im VIKTORIN-Katalog am häufigsten abgebildeten Früchten
zählen Birnen, Nüsse und Beeren. Zahlreiche innen versilberte,
außen teilweise bemalte Nüsse tragen Käppchen mit der Bezeichnung
AUSTRIA oder CZECHOSLOVAKIA (S. 68, 69). Beeren
- mit und ohne Blätter - sind meist versilbert und gefärbt, mit Glimmer
oder winzigen Ballotini verziert. Die Reliefstruktur des roten
Farbenglases erkennt man an einem beschädigten Objekt (S. 72,
Abb. 214). Nur mehr Spuren der ursprünglichen Bemalung sind auf
der nun transparent erscheinenden Beerenfrucht (Abb. 207, S. 71)
zu sehen.
Eine Form hat sich in drei Farbvarianten - gelb, blau und rot - erhalten
(Abb. 217, S. 73). Ähnliches gilt auch für eine erdbeerähnliche
Form, die Farbnuancen blau, rosa und gelb sind in zarteren Tönen
gehalten (S. 75). Himbeeren und melonenartige Früchte, Trauben
und andere Beeren sind in vielen Varianten und Farben, von kugelförmiger
oder länglicher Gestalt, überliefert (S. 76-83). Blüten aus
Glas wurden offenbar viel seltener als Früchte hergestellt (S. 74).
Die Oberflächen länglicher oder gedrungener Zapfen (S. 84-96)
sind meist naturalistisch gebildet, fallweise aber durch geometrische
Details (Dreiecke, Rauten) charakterisiert (S. 87; S. 92, Abb.
285, 286). Zapfen mit Gesichtern wurden mit leuchtend roten Wangen
und blauen Augen bemalt, oder ein Kindergesicht aus bedrucktem
Papier ist ihnen aufgeklebt (S. 93). In der Art des Gablonzer
Glasperlenschmucks wird der Zapfen mit kleinen Perlen und Stiften
kombiniert (S. 93). Dies gilt auch für die Eicheln, die aus großen
Formperlen, Klautschen und kleinen Perlen bestehen (S. 97) und
wieder nach Nordböhmen weisen. Das strahlende Rot, Blau und
Gelb der Eicheln (S. 98, 99), naturfern, aber wirkungsvoll im Grün
der Zweige, erscheint wie von glänzenden, weißen Glassplittern beschneit.
Als Glücksbringer auf weißen und silbernen Stielen tragen
die Pilze ihre roten Kappen und weißen Punkte (S. 102-105).
Was wäre das Weihnachtsfest ohne Weihnachtsmann! Er erscheint
selten ohne den Baum (S. 106-111). Sein Kapuzenmantel ist
rot oder blau, oft auch silbern, pelzverbrämt (mit Glimmer); einen
Stock braucht er nur selten (S. 108, Abb. 341). Wie er die Hände hält
- nebeneinander auf gleicher Höhe, schräg oder direkt übereinander
- läßt bestimmte Formtypen erkennen, die dann nur mehr in der
Bemalung variieren. Dann sind da auch Köpfe mit hohen Mützen,
bärtige Gesichter, Pilzköpfe, Doppelgesichter, runde Mondgesichter
und Fratzen, dämonisch wie zu Halloween (S. 112, 113), auch Babies,
Schulkinder, ein Nikolaus gesellen sich zum Reigen der Figuren
auf den Zweigen des Christbaums, und ein kleiner Harlekin erscheint
uns in drei Gestalten: silbrig, gesichtslos, von Perlen begleitet;
wächsern-grünlich mit roter Mütze, oder ausdrucksvoll bemalt,
mit pfiffig-schelmischem Gesichtsausdruck (S. 114). Zwerge dürfen
natürlich auch nicht fehlen (S. 115).
Vielfältig ist die Tierwelt (S. 116-144): Hähne und Eichhörnchen
sind zwar eher seltene Gäste im Gezweig; da tummeln sich schon
eher Marienkäfer und Fische; Vögel bevölkern den Baum wie eine
große Voliere; ihre Schwänze aus gesponnenem Glas zittern bei jedem
Lufthauch: Pfaue und Störche, Kreuzschnäbler, Papageien,
Schwäne und andere gefiederte Gäste. Einmal in leuchtenden Farben,
dann wieder in Pastelltönen zart bemalt, haben sie im Baum ihr
naturgemäßes Zuhause.
Die Welt der Gegenstände bleibt nicht ausgespart (S. 146-163), vor
allem die Musik darf nicht fehlen: Hörner, Trompeten und andere
Blasinstrumente sorgen für Wohlklang, und der Pfeifenraucher
darf die silbrig-gläsernen Instrumente seines Wohlbehagens betrachten.
Körbe mit bunten Blumen erfreuen das Auge, Verkehrsmittel
wie Schiffe, Flugzeuge und Eisenbahnen sind nicht nur
unterm Baum als Geschenke, sondern auch hoch in den Zweigen zu
finden. Der Geldsack, mit nicht weniger als der Zahl 50.000 versehen,
funkelt verheißungsvoll. Die leuchtend bunten Fenster von kleinen
Häusern verheißen Gastlichkeit, und Laternen und Ampeln
bringen farbiges Licht in die Stuben, Verkehrsampeln nicht ausgeschlossen,
die wohl den richtigen Weg weisen sollen. Uhren und
Lampen und sonstiges nützliches Gerät bis hin zum Tafelgeschirr
schließen symbolisch den Alltag ein.
Der VIKTORIN-Katalog enthält eine Fülle von Christbaumspitzen,
in schöner Ordnung diagonal über die Seiten verteilt; mit Kugeln und
Reflektoren versehen, mit strahlenden Sonnen, Blumen und Zweigen
dekoriert, bekrönen sie den Baum, dessen Sterne gelb und
blau aus dem Grün leuchten (S. 164-176). Und endlich das
Glockengeläute aus der Vielzahl von Glasglocken, in allen Nuancen
gefärbt bis hin zur Palette des Regenbogens, klingend mit kleinen
Perlklöppeln (S. 177-187). Längliche Gebilde, von spitzovalem
Längsschnitt auch „Oliven“ oder „Eier“ genannt, schwingen voll
Eleganz und Leichtigkeit. Eiszapfen bringen mit ihren gedrehten
kannelierten Wandungen Bewegung in den Raum, Wandungen mit
geraden Kanneluren bilden verschiedenste Formen bis hin zum
Regenschirm (S. 188-195). Im Relief der Oberflächen (S. 196-209)
finden wir Blumen und Früchte, Muscheln und Sonnen, Sterne und
Blüten, aber auch streng geometrische Elemente. Zu ihren schönsten
Schöpfungen zählt die Facetten-Kugel.
Kugeln und Reflektoren (S. 210-240) beschließen in unübersehbarem
Formen- und Dekorreichtum den Reigen der Christbaumschmuck-Motive.
Hier schwimmen gelbe Vögel mit roten Schnäbeln
und Augen auf blauen Wellen vor einem zarten Eisblumen-Grund.
Den malerischen Motiven sind keine Grenzen gesetzt: Flora und
Fauna sind gegenwärtig, kleine Figürchen beleben die silbrigen Flächen,
Glassplitter-Glimmer und „venezianischer Tau“ schimmern in
hellem Lichtspiel. Glas-Schnee liegt in geraden oder geschwungenen
Bahnen, von Farbbändern unterbrochen, auf zarten Wandungen.
Aus dem Innern der Reflektoren schimmern alle Farben, vom
dunklen Purpurrot bis zum hellen Gelb, laden ein in die Welt der
Phantasie, der Märchen.
65