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DAS KUNSTGEWERBE.
keit der öffentlichen Bäder nachgebildet find, der eine mehr offen, der andere
gefchloffen. Hinter ihnen ftofsen zwei Flügel an das Hauptgebäude; üe treten
weit nach Oft und Weil vor und geben dadurch erft dem Haufe fein ftattliches
palaftartiges Anfehen, und da fie das eine mit einem hohen Minaret, das andere
mit einer Kuppel und Minaret abfchlieffen, fo find fie es, die das bewegte, kühne
und unregelmäffige Profil der ganzen Anlage hervorrufen. Der eine diefer Flügel,
lang und fchmal, enthält nur die in einer Flucht anfteigende Hauptftiege, der
andere die Mofchee; ihre architektonifche Geftaltung ift daher fehr verfchieden.
Hinter dem Hauptgebäude, zum Iheil von den klügeln umfafst, liegt ein mit
Blumen, Lauben und Brunnen wohl eingerichteter Garten, der rückwärts von dem
Gehöft eines wohlhabenden egyptifchen Bauern oder Farmers begränzt wird,
während gegen Often die Nachbildung eines altegyptifchen Grabes von Beni
Haffan daranftöfst. Alfo Palaft oder Wohnhaus, Minaret und Mofchee, Garten
und Bauernhaus mit Drehbrunnen, Stallungen und Taubenfchlag, dazu mit dem
Grab die Erinnerung an Uregypten, im Innern Altarabifch und Neuegyptifch
repräfentirt — das ift alles, was wir erwarten können. Aber hier mufs untere
Phantafie, umgekehrt wie anderswo, von einander trennen, was der Künftler ver
einigt hat.
Betrachten wir uns vor allem das Wohnhaus in der Mitte, das uns am
meiften intereffirt. Während feine beiden reichen Flügel ganz in rothen und
gelben horizontalen Streifen balkenartig bemalt find, während die beiden Mina-
rets und die Kuppel, fämmtlich beftimmten Bauten Cairos nachgebildet, mit
Stalaktiten und Reliefornament verziert oder gitterartig bedeckt find, alfo einen
fehr reichen Schmuck bieten, ift das Wohngebäude auch in feinem Aeufseren
bei weitem befcheidener und einfacher. Nur das Erdgefchofs trägt jenen rothen
und gelben Maueranftrich, das Hauptgefchofs ift einfach grau und fchliefst oben
mit einer farbig decorirten Hohlkehle und freiem fpitzenartigem Kranzornament
darüber. Was ihm Leben giebt, find die Fenfter, deren heben das Hauptgefchofs
unterbrechen. Drei Prachtfenfter in der Mitte treten auf rothen Doppelfäulen
vor und überragen den Eingang, eine kleine niedere Pforte. Die Fenfter,
obwohl in ihrem Genre reiche Arbeiten, weifen dennoch mit ihrem Charakter
auf die Kunft und das abgefchloffene Leben im Innern hin. Es find kaftenartig
vortretende Gitterfenfter, aus feinen gedrehten Stäbchen in fpitzenartigen Muftern
zufammengefetzt, von innen zum Theil farbig verglafet, die jeden Blick hinauf
und hinab nach aufsen geftatten, keinen aber in das Innere eindringen laffen.
Auch die kleine, enge, niedere Pforte übt Entfagung; fie ift allgemein charakte-
riftifch für das orientalifche Haus im Gegenfatz gegen das europäifche, das mit
möglichft grofsem und gefchmücktem Portal wie mit offenen Armen einladet.
Reiches Portal, anfpruchsvolle Fagade, armfelige oder flitterhafte Ausftattung im
Innern, das ift nur zu häufig die in den europäifchen Städten gewöhnliche Erfchei-
nung; im Orient ift die Regel umgekehrt.
Ganz ift das wohl bei unterem Palafte nicht fo der Fall; denn was den
Glanz und die Pracht betrifft, fo fteht die innere Ausftattung, wie wir fchon an
gedeutet haben, nicht auf der Höhe. Wenigftens ift das der Eindruck, den uns
das Innere gemacht hat. Die Wände der Zimmer find meift kahl und nackt ge-