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Full text: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873

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DAS KUNSTGEWERBE. 
keit der öffentlichen Bäder nachgebildet find, der eine mehr offen, der andere 
gefchloffen. Hinter ihnen ftofsen zwei Flügel an das Hauptgebäude; üe treten 
weit nach Oft und Weil vor und geben dadurch erft dem Haufe fein ftattliches 
palaftartiges Anfehen, und da fie das eine mit einem hohen Minaret, das andere 
mit einer Kuppel und Minaret abfchlieffen, fo find fie es, die das bewegte, kühne 
und unregelmäffige Profil der ganzen Anlage hervorrufen. Der eine diefer Flügel, 
lang und fchmal, enthält nur die in einer Flucht anfteigende Hauptftiege, der 
andere die Mofchee; ihre architektonifche Geftaltung ift daher fehr verfchieden. 
Hinter dem Hauptgebäude, zum Iheil von den klügeln umfafst, liegt ein mit 
Blumen, Lauben und Brunnen wohl eingerichteter Garten, der rückwärts von dem 
Gehöft eines wohlhabenden egyptifchen Bauern oder Farmers begränzt wird, 
während gegen Often die Nachbildung eines altegyptifchen Grabes von Beni 
Haffan daranftöfst. Alfo Palaft oder Wohnhaus, Minaret und Mofchee, Garten 
und Bauernhaus mit Drehbrunnen, Stallungen und Taubenfchlag, dazu mit dem 
Grab die Erinnerung an Uregypten, im Innern Altarabifch und Neuegyptifch 
repräfentirt — das ift alles, was wir erwarten können. Aber hier mufs untere 
Phantafie, umgekehrt wie anderswo, von einander trennen, was der Künftler ver 
einigt hat. 
Betrachten wir uns vor allem das Wohnhaus in der Mitte, das uns am 
meiften intereffirt. Während feine beiden reichen Flügel ganz in rothen und 
gelben horizontalen Streifen balkenartig bemalt find, während die beiden Mina- 
rets und die Kuppel, fämmtlich beftimmten Bauten Cairos nachgebildet, mit 
Stalaktiten und Reliefornament verziert oder gitterartig bedeckt find, alfo einen 
fehr reichen Schmuck bieten, ift das Wohngebäude auch in feinem Aeufseren 
bei weitem befcheidener und einfacher. Nur das Erdgefchofs trägt jenen rothen 
und gelben Maueranftrich, das Hauptgefchofs ift einfach grau und fchliefst oben 
mit einer farbig decorirten Hohlkehle und freiem fpitzenartigem Kranzornament 
darüber. Was ihm Leben giebt, find die Fenfter, deren heben das Hauptgefchofs 
unterbrechen. Drei Prachtfenfter in der Mitte treten auf rothen Doppelfäulen 
vor und überragen den Eingang, eine kleine niedere Pforte. Die Fenfter, 
obwohl in ihrem Genre reiche Arbeiten, weifen dennoch mit ihrem Charakter 
auf die Kunft und das abgefchloffene Leben im Innern hin. Es find kaftenartig 
vortretende Gitterfenfter, aus feinen gedrehten Stäbchen in fpitzenartigen Muftern 
zufammengefetzt, von innen zum Theil farbig verglafet, die jeden Blick hinauf 
und hinab nach aufsen geftatten, keinen aber in das Innere eindringen laffen. 
Auch die kleine, enge, niedere Pforte übt Entfagung; fie ift allgemein charakte- 
riftifch für das orientalifche Haus im Gegenfatz gegen das europäifche, das mit 
möglichft grofsem und gefchmücktem Portal wie mit offenen Armen einladet. 
Reiches Portal, anfpruchsvolle Fagade, armfelige oder flitterhafte Ausftattung im 
Innern, das ift nur zu häufig die in den europäifchen Städten gewöhnliche Erfchei- 
nung; im Orient ift die Regel umgekehrt. 
Ganz ift das wohl bei unterem Palafte nicht fo der Fall; denn was den 
Glanz und die Pracht betrifft, fo fteht die innere Ausftattung, wie wir fchon an 
gedeutet haben, nicht auf der Höhe. Wenigftens ift das der Eindruck, den uns 
das Innere gemacht hat. Die Wände der Zimmer find meift kahl und nackt ge-
	        
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