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Full text: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873

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DAS KUNSTGEWERBE. 
keit beruhen, allein das ift ficherlich, wenn wir fonft die Gewalt der Mode be 
denken, das geringfügigfte Moment, Frankreich ausgenommen, wo Charakter und 
Mode zufammenfallen. Weit bedeutender erfcheint bei einigen Staaten der Glanz 
oder die Nachwirkung der Gefchichte oder auch der Einfluss eines grofsen und 
bedeutenden Mannes oder locale, vielmehr geographifche Bedingungen, welche 
einem Lande eine gewiffe Richtung, einen gewiffen Zug feiner Induftrie vorfchrei- 
ben, oder es find die künftlerifchen Traditionen der Vergangenheit, die fich jedoch 
als nationale Induftrie derjenigen der modernen Cultur gegenüber zu ftellen pfle 
gen. In jüngfter Zeit aber find es die Reformbeftrebungen auf dem Gebiete des 
Gefchmacks, das, was wir in der Einleitung als die internationale Frage der Kunft- 
induftrie bezeichnet haben, welche in den einzelnen Ländern, je nachdem fich 
diefelben diefen Beftrebungen angefchloffen haben, die Phyfiognomie ihrer Ar 
beiten wefentlich umändern und ihre allerdings heute noch fehr fchwankende 
Kunftart bedingen. Auf ihnen beruht vor allem der gemifchte Charakter, den 
fo manche Culturländer auf unferer Ausftellung zeigen. 
Mit Rückficht auf diefe verfchiedenen Bedingungen, von denen allerdings 
keine ausfchliefslich wirkt, ordnen wir uns die Länder Europa’s in beftimmte 
Gruppen und nehmen dabei vorweg die kleineren Staaten, indem wir uns die 
gröfseren Induftrieländer, in denen der eigentliche moderne Gefchmackskampf 
auszukämpfen ift, bis zum Schluffe auffparen. Nur den Orient, der heute noch 
feine eigene Welt bildet und als folcher auch auf der Ausftellung erfchien, laffen 
wir auch diefen folgen. 
l. Gruppe: Dänemark, die Schweiz, Belgien, Holland. 
Wie mächtig und bedeutend der Einflufs eines einzigen Mannes fein kann, 
das zeigt uns die Induftrie des kleinen Dänemark, welche in äfthetifcher Be 
ziehung eine fehr gute Figur auf der Ausftellung machte. Von früherer Induftrie, 
die künftlerifch irgend Bedeutung hätte, weiss die Gefchichte nichts. Dänemark 
ftand in diefer Beziehung einerfeits unter dem Einfluss Hollands, andrerfeits unter 
dem Einfluss Lübecks und anderer gewerbfleifsiger Städte der Oftfee. Wohl 
keine diefer Städte kann fich heute an Kunftfleiss mit Kopenhagen meffen. Dass 
feine Induftrie künftlich emporgekommen ift, mag man auf Rechnung, der Refldenz 
fetzen, aber dass diefe Induftrie einen gemeinfartien und bis zu einem gewiffen 
Grade eigenthümlichen, ihr eigenen Charakter trägt, das verdankt sie der Nach 
wirkung und der Erinnerung Thorwaldsen’s; die Gröfse diefes Mannes, der Idea 
lismus feiner Kunftrichtung adelt noch heute die Induftrie Dänemarks und fchützt 
fle vor dem Hinabfinken in das Gemeine und Gewöhnliche. Wir find nicht mit 
allem einverftanden, was die dänifche Kunftmduftrie uns vor Augen geführt hatte, 
aber es geht durch alles ein feiner, nobler Zug, der ihre unverkennbare Eigen- 
thümlichkeit bildet. 
Stiliftifch betrachtet, liegt diefer gemcinfame Zug der dänifchen Kunftinduftrie, 
wie das auf den Spuren Thorwaldsen’s nicht anders zu erwarten steht, in einer 
Hinneigung zu den antiken Formen. Wir erkennen ihn vorzugsweife in den Mö 
beln, in dem Porzellan und in den Silberarbeiten, den drei bedeutendften Zweigen 
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