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DAS KUNSTGEWERBE.
die Tafchenuhren zu Haufe find, da bleibt der Schmuck nicht aus, denn die Uhr
bedarf zu ihrer Verzierung derfelben Arbeit, und fo war denn auch diefe Abthei
lung der Schweizer Induflrie nicht ohne Bedeutung. Nur Eigenthümlichkeit hatte
auch fie nicht, fondern zeigte ihren eigentlichen Character, auf aller Welt Ge-
fchmack berechnet zu fein, darin, dass fic mit Etiquetten, welche die Bezeich
nung als ägyptifcher, als etruskifcher, als franzöfifcher, felbft als amerikanifcher
Stil trugen, eben die Vielfeitigkeit, die Mannigfaltigkeit und die Unficherheit des
modernen Gefchmacks documentirte.
Nur den Schweizer Holzfchnitzereien, die auch bereits Exportartikel find,
kann man, wenn man will, eine gewiffe Eigenthümlichkeit zufprechen, obwohl fie
kaum eine künftlerifche zu nennen, da der Charakter diefer Gebirgsfchnitzereien
die jetzt durch Schulen unterftützt werden, eben der vollendetfte Naturalismus
ilt. Man kann fich bei der gefchickten und naturgetreuen Ausführung denfelben
noch gefallen laffen, wenn der Gegenltand weiter keinen Zweck hat und eben
nur eine Thiergruppe, eine Gebirgsfcenerie oder dergleichen darflellt, in Ver
wendung aber an Möbeln, Rahmen, Wanduhren oder anderen Gegenfländen kommt
er nur gar zu häufig, wie die Beifpiele der Ausftellung zeigten, mit einer ver
nünftigen Acfthetik in Conflict. Am auffallcndften liefsen dies die Schwarzwälder
Uhren erkennen, welche in Imitation der Schweizer Schnitzereien diefelbe Art
zur Hauptdecoration gemacht haben und dabei auf die wunderfamflen Gedanken,
auf die feltfamften Widerfprüche verfallen.
In der gleichen Lage wie die Schweiz befindet fich auch Belgien, ebenfalls
ein vorwiegend induftrielles Land, das mit feiner Kunftinduftrie weit über den
Bedarf und die engen Grenzen des kleinen Landes hinausreicht. Diefer Zuftand
ift in Belgien nicht erd von neuerem Datum wie bei der Schweiz; wir kennen ja
die Niederlande in Kunft wie in Kunftinduftrie während früherer Jahrhunderte als
eines der leitenden Länder. Diefe Stellung, die Flandern und Brabant eine fo
hervorragende Rolle in der Kunftgefchichte zuertheilt, nimmt Belgien heute nicht
mehr ein; Führerfchaft im Gefchmack kann ihm in keiner Weife zugefprochen
werden, kaum eine Eigenthümlichkeit, vielmehr fchliesst es fich nur zu eng an
Frankreich und die franzöfifche Mode an, auch liegt die Hauptbedeutung feiner
Induflrie durchaus nicht auf der künftlerifchen Seite. Auf unferer Ausftellung
war fie noch ungünftiger vertreten, als fie es verdient, und zeigte eigentlich nur
drei Zweige, die Spitzen, die Möbel und die kirchlichen Goldfchmiedarbeiten, und
davon traten nur die erfteren einigermafsen imponirend auf.
Die Handfpitzen Belgiens haben zwar heute Concurrenten genug erhalten,
aber fie find in keiner Weife die zweiten geworden. Ohne als Arbeit oder in
Schönheit den franzöfifchen nachzuftehen, folgen fie doch ganz dem franzöfifchen
Gefchmack, der gegenwärtig die Spitzen naturaliftifch mit leichten Blumen und
zierlichem Geranke überzieht. In der Zeichnung find die belgifchen Spitzen von
den franzöfifchen nicht zu fcheiden. Zwar hat man auch die Nachahmung der
alten Spitzen von Mecheln und Valenciennes wieder aufgenommen, aber grade
diejenigen, welche in der Verzierung die einfachften und unbedeutendften find. In
der kirchlichen Goldfchmiedekunft ftellt fich Belgien, wie einige vortreffliche Ar
beiten von A. Bourdon in Gent und J. Wilmotte in Lüttich, die in der Kunft-