MAK

Full text: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873

118 
DAS KUNSTGEWERBE. 
die Tafchenuhren zu Haufe find, da bleibt der Schmuck nicht aus, denn die Uhr 
bedarf zu ihrer Verzierung derfelben Arbeit, und fo war denn auch diefe Abthei 
lung der Schweizer Induflrie nicht ohne Bedeutung. Nur Eigenthümlichkeit hatte 
auch fie nicht, fondern zeigte ihren eigentlichen Character, auf aller Welt Ge- 
fchmack berechnet zu fein, darin, dass fic mit Etiquetten, welche die Bezeich 
nung als ägyptifcher, als etruskifcher, als franzöfifcher, felbft als amerikanifcher 
Stil trugen, eben die Vielfeitigkeit, die Mannigfaltigkeit und die Unficherheit des 
modernen Gefchmacks documentirte. 
Nur den Schweizer Holzfchnitzereien, die auch bereits Exportartikel find, 
kann man, wenn man will, eine gewiffe Eigenthümlichkeit zufprechen, obwohl fie 
kaum eine künftlerifche zu nennen, da der Charakter diefer Gebirgsfchnitzereien 
die jetzt durch Schulen unterftützt werden, eben der vollendetfte Naturalismus 
ilt. Man kann fich bei der gefchickten und naturgetreuen Ausführung denfelben 
noch gefallen laffen, wenn der Gegenltand weiter keinen Zweck hat und eben 
nur eine Thiergruppe, eine Gebirgsfcenerie oder dergleichen darflellt, in Ver 
wendung aber an Möbeln, Rahmen, Wanduhren oder anderen Gegenfländen kommt 
er nur gar zu häufig, wie die Beifpiele der Ausftellung zeigten, mit einer ver 
nünftigen Acfthetik in Conflict. Am auffallcndften liefsen dies die Schwarzwälder 
Uhren erkennen, welche in Imitation der Schweizer Schnitzereien diefelbe Art 
zur Hauptdecoration gemacht haben und dabei auf die wunderfamflen Gedanken, 
auf die feltfamften Widerfprüche verfallen. 
In der gleichen Lage wie die Schweiz befindet fich auch Belgien, ebenfalls 
ein vorwiegend induftrielles Land, das mit feiner Kunftinduftrie weit über den 
Bedarf und die engen Grenzen des kleinen Landes hinausreicht. Diefer Zuftand 
ift in Belgien nicht erd von neuerem Datum wie bei der Schweiz; wir kennen ja 
die Niederlande in Kunft wie in Kunftinduftrie während früherer Jahrhunderte als 
eines der leitenden Länder. Diefe Stellung, die Flandern und Brabant eine fo 
hervorragende Rolle in der Kunftgefchichte zuertheilt, nimmt Belgien heute nicht 
mehr ein; Führerfchaft im Gefchmack kann ihm in keiner Weife zugefprochen 
werden, kaum eine Eigenthümlichkeit, vielmehr fchliesst es fich nur zu eng an 
Frankreich und die franzöfifche Mode an, auch liegt die Hauptbedeutung feiner 
Induflrie durchaus nicht auf der künftlerifchen Seite. Auf unferer Ausftellung 
war fie noch ungünftiger vertreten, als fie es verdient, und zeigte eigentlich nur 
drei Zweige, die Spitzen, die Möbel und die kirchlichen Goldfchmiedarbeiten, und 
davon traten nur die erfteren einigermafsen imponirend auf. 
Die Handfpitzen Belgiens haben zwar heute Concurrenten genug erhalten, 
aber fie find in keiner Weife die zweiten geworden. Ohne als Arbeit oder in 
Schönheit den franzöfifchen nachzuftehen, folgen fie doch ganz dem franzöfifchen 
Gefchmack, der gegenwärtig die Spitzen naturaliftifch mit leichten Blumen und 
zierlichem Geranke überzieht. In der Zeichnung find die belgifchen Spitzen von 
den franzöfifchen nicht zu fcheiden. Zwar hat man auch die Nachahmung der 
alten Spitzen von Mecheln und Valenciennes wieder aufgenommen, aber grade 
diejenigen, welche in der Verzierung die einfachften und unbedeutendften find. In 
der kirchlichen Goldfchmiedekunft ftellt fich Belgien, wie einige vortreffliche Ar 
beiten von A. Bourdon in Gent und J. Wilmotte in Lüttich, die in der Kunft-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.