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Full text: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873

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DAS KUNSTGEWERBE. 
und die Augen der Befucher feffelte. Einen andern Gegenftand von befonderem 
Intereffe, den man vielleicht in Portugal am wenigften gefucht hätte, bildete 
eine eigenthümliche Art der Faiencen, die Imitationen der Arbeiten von 
Palissy, jener Schüffeln und Gefäfse mit Schlangen, Fifchen, Eidechfen, Mufcheln 
und Pflanzen, welche, im vorigen Jahrhundert fall verfchollen, der modern 
den Faience-Indufbrie wieder den Hauptanftofs gegeben haben. Wir wer 
den noch mehrfach ihrer zu gedenken haben. Hier in Portugal ift diefe 
Kunfttöpferei von einer Gefellfchaft zu Oporto in die Hände genommen und 
fcheint, trotz der bizarren Formen, mit einer gewiffen Bedeutung betrieben 
zu werden. Die portugiefifchen' Imitationen fchliefsen fleh ziemlich eng an 
ihre Vorbilder an, obwohl fle gegenftändlich das Genre erweitern und fleh 
durch blalsere Farbenhaltung von denfelben unterfcheiden. Portugals Kunft- 
induftrie war aufserdem auch mit ganz modernen Gegenftänden vertreten, welche 
zeigten, dass fle fleh hierin nicht von den herkömmlichen Modeformen entfernt 
und-fleh auf den bekannten Bahnen bewegt, fo z. B. mit gefchliffenen Gläfern 
und Porzellangefchirr. Weder das Eine noch das Andere bot ein weiteres 
Intereffe. Daffelbe ift es mit feinen Geweben, in denen alte Traditionen nicht, wie 
bei Spanien, zu erblicken waren. 
Aehnlich fcheint es bei Italien auf den erften Blick zu fein. Was kann 
moderner fein, als feine glänzenden Seidenftoffe, die ganz dem bisherigen 
franzöfifchen Gefchmacke folgen; was mehr wohlgefällig und reizend für das 
Auge unferes Publikums als feine zierlichen, bald fentimentalen, bald humoriftifch 
genrehaften Marmorarbeiten, die wohl mehr in das Gebiet der Kunftwaare als 
der Kunftwerke gehören: Selbft feine kirchlichen Paramente und Stickereien 
find noch im craffeften und gefchmacklofeften Jefuitenftil gehalten mit natura- 
liftifchen Seidenblumen auf goldenem und Albernem, in rohefter Art ornamentir- 
ten Grunde. 
Und doch war Italien intereffant und feine Ausftellung höchft bedeutend. 
Es zeigt eben zwei Geflehter. Das eine, eben dasjenige, welches durch die ge 
nannten Gegenftände fleh charakterifirt, ift das moderne, wenigftens was man 
bisher als modern bezeichen konnte. Es fchmeichelt zum Theil mit feiner 
aufserordentlichen Gefchicklichkeit der Menge, die bei einem Kunftwerke nicht 
nach dem Gehalte, fondern nach dem fleht, was es darftellt, zum Thdil bewegt 
es fleh auf den ausgetretenen Wegen des bisherigen franzöfifchen Gefchmacks 
ohne Originalität, ohne Erfindung, felbft ohne Gefchmack. Das andere Gefleht, 
und es ift glücklicher Weife fein jüngftes, kehrt fleh der grofsen Vergangenheit 
Italiens zu und trachtet die alten berühmten Kunftzweige nicht blofs zu imitiren, 
fondern wieder- zu beleben ,und der modernen, beffer der modernften Induftrie 
wieder zu gewinnen. Zum Theil ift das nur die Fortführung und Belebung 
einer alten Tradition, wie bei dem Mofaik, zum Theil ift es das Refultat wach- 
fender Alterthumsliebe, zum Theil aber auch wahrhafte und bewufste Erneue 
rung, wie bei (Jen venetianifchcn Glasarbeiten. 
Von einem bedeutenden Zweige diefer Richtung, von den gefchnitzten 
Möbeln nach der Muftern der Renaiffance haben wir fchon früher zu fprechen 
gehabt, Arbeiten, die heute allerdings noch mehr für den Export, für die
	        
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