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Full text: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873

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DAS KUNSTGEWERBE. 
Malerei verlegt. Was Rufsland fonfl an Kunflgläfern ausgeftellt hatte, bewegte 
fich auf den veralteten Bahnen des böhmifchen Glafes und bot keinerlei Inter- 
effe. Ebenfo wenig erfchien fein Porzellan intereffant, felbft nicht dasjenige 
der kaiferlichen Fabrik, das keine neuen Wege eingefchlagen hatte. Eine ftoffliche 
Eigentümlichkeit für Rufsland find feine Malachite, aber ihre künftlerifche 
Verwertung, die mit reicher vergoldeter Bronze-Montirung fich im Genre der 
Galanteriegegenflände hielt, fleht nicht auf der Höhe des Stoffes und des Preifes. 
Die Formen find zu gewöhnlich modern, und das gilt auch noch von andern 
Indultriezweigen, von den Bronzen, den Tapeten, den meiften Decorationsfloffen 
und den Teppichen. 
Aber die ruffifche Kunftinduflrie bietet noch eine andere Seite des Intereffes 
dar, die wir fchon vorher mit als eine nationale bezeichneten, das ift die afia- 
tifche, die uns übrigens in der ruffifchen Ausflellung weniger bedacht fchien, als 
es hätte fein follen. Den afiatifchen Erzeugniffen, insbefondere denjenigen aus 
den neu eroberten Gegenden, war ein eigener Winkel zugewiefen worden und 
diefer aus dem ethnographifchen Gefichtspunkt arrangirt. In reich verziertem 
Pferdegefchirr, Goldfchmuck und Waffen, die ganz mit Türkifen bedeckt waren, 
fand fich die Heimat diefes fchönen blauen Steines vertreten; aufserdem gab es 
intereffantes Thongeräth, Gewebe und Stickereien, welche ihre Verwandtfchaft 
mit der perfifchen Kunft nicht verleugneten. Der Kaukafus fchien uns mit feinen 
Waffen und Stickereien wenig glücklich vertreten. In allen diefen Arbeiten ift 
noch echte orientalifche Art. Wo aber die afiatifche Kunft tiefer nach Rufsland 
vorgedrungen ift, da läfst fie leider an Originalität heute nach. Dies gilt insbe 
fondere von den f. g. Tula-Arbeiten, Silberniellen, die noch vor wenigen Jahren 
mit echt orientalifchen Arabesken als Verzierung von Waffen, Geräth und Dofen 
den reizendften Effect boten, heute aber Landfchaften, Portraits und fonftige euro- 
päifche Motive an die Stelle fetzen und mit Vergoldung vollends verderben. 
Es ift fchade, dafs die ruffifche Kunftinduflrie, die nach der einen Seite fich mit 
alten und nationalen Elementen zu erfrifchen trachtet, hier einen ihrer fchönften 
Zweige in Vernachläffigung zu Grunde gehen läfst. 
Was Rufsland verfäumt hat, uns eine genügende Ausflellung feiner nationalen 
Hausinduftrie vorzuführen, das haben die örtlichen Donauländer, Ungarn (mit 
Croatien) und Rumänien, und neben ihnen Griechenland, in reichem Mafse 
gethan. Es war freilich auch das Intereffantefte, was fie bringen konnten. 
Die Commiffionen diefer Länder hatten den richtigen Gefichtspunkt feftgehalten, 
dafs es fich hier nicht um eine ethnographifche Zufammenftellung oder um eine 
touriftifche Merkwürdigkeit handle, fondern um einen Zweig der menfchlichen 
Arbeit, der, commerciell allerdings vor fehr geringer Bedeutung, um fo gröfseren 
Werth hat in künftlerifcher, culturgefchichtlicher, ja felbft in moralifcher Bedeu 
tung. Nehmt der ländlichen Bevölkerung diefe Hausarbeit, welche fie zwingt fich 
zu befchäftigen, fich mit dem Nützlichen wie mit dem Schönen zu befchäftigen, 
und ihr werdet fehen, wie diefe Bevölkerung in Cultur und Moral um eine Stufe 
tiefer finkt. Entweder der Faulheit hingegeben, wird fie demoralifirt, oder nach 
Befchäftigung fuchend, werden diefe Frauen und Mädchen, die jetzt den Schmuck 
ihres Haufes, die Zierden ihres Lebens arbeiten, dem Maurer, dem Strafsen-
	        
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