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Full text: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873

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DAS KUNSTGEWERBE. 
Ornamentation höchst anregend auf die perfiche eingewirkt hat und dass mit ihrer 
Hülfe jener Zweig des muhamedanifchen Kunftftils gefchaffen ift, welcher noch 
heute in Perfien und Indien lebt. Daher zeigen denn auch die alten chinefifchen 
Arbeiten, je älter fie find, um fo mehr Verwandtfchaft damit. Das Nähere freilich 
ift mit unferer heutigen Kenntniss nicht feftzuftellen; wir wiffen des Genaueren 
nicht, wann und wie der heutige perfifch-indifche Decorationsftil entftanden ift. 
In jedem Fall aber ift diefer Stil ein muhamedanifcher und kein altindifcher; er 
gehört dem Islam an, nicht dem Brahmaismus oder Buddhismus, und feine Ueber- 
tragung nach Indien kann fchwerlich vor die Periode der arahifchen Invafion 
fallen. 
Heute fcheidet fich die oftafiatifche Kunft ftreng von derjenigen Perfiens 
und Indiens. Während die letztere fich rein im Stile erhalten hat und wohl 
fchwächer, aber nicht barock geworden ift, bildet grade für die chinefifche und die 
japanifche Kunft die Bizarrerie den eigentlichen, entfcheidenden Characterzug. 
Es find in beiden Stilen diefelben Grundelemente, diefelben decorativen Prin- 
cipien, aber in China und Japan find fie alle in das Barocke umgewandelt. Die 
Unregelmäfsigkeit, das plötzliche unmotivirte Abfpringen von der Linie und der 
Regel ift zum Princip erhoben, grade wie im chinefifchen Garten der Wanderer 
auf Schritt und Tritt von Ueberrafchungen frappirt werden foll und die querften 
Dinge mit einander abwechfeln.- Daher die Seltfamkeit der Formen, die ver- 
fchnörkelten Ornamente, die wunderlichen Coftüme, die ungraziöfen Bewegungen, 
die krumme und eckige Haltung der Menfchen. Wir finden diefen Character 
überall in jeder Kunftarbeit, mehr freilich noch bei den älter, verfteifter und knö 
cherner gewordenen Chinefen als bei den immer noch jugendfrifcheren Japanern. 
Was fich aber hiermit an Kunft und Gefchmack vereinigen läfst, das befitzen 
beide Völker noch in hohem Grade, obwohl ihre heutigen Leiftungen bei weitem 
nicht mehr das find, was fie ehedem waren. Namentlich hat China in der Treff 
lichkeit feiner Arbeit abgenommen, und manche feine und gute Technik ift heute 
vergehen. Nichtsdeftoweniger zeigte ihre Ausftellung, die namentlich von Seiten 
Japans umfaffend und mit grofsem Verftändniss der Aufgabe beforgt war, dafs 
noch ein gut Theil, ja mitunter ein glänzendes Theil übrig ift, wovon die bef- 
fere Hälfte auf Japan kommt. 
In Einem find noch alle chinefifchen und japanifchen Arbeiten gut, in der 
Farbe. Können die neuen Gegenftände auch hierin fich nicht mit den älteren 
meffen, wie z. B. die ganze chinefifche Ausftellung nichts bot, was fich im Co- 
lorit den alten Zellenfchmelzgefäfsen an die Seite Hellen liefse, fo ift der Sinn für 
Harmonie, für feine Farbentöne doch nicht verloren gegangen. Dies ift fall das 
einzige Verdienft, welches die Porzellanarbeiten diefer Länder noch befitzen, da 
auch die Formen mit der Zeit plumper, barocker und reizlofer geworden find. 
Jetzt verlegen fich die Japaner auch bereits auf das Imitiren europäifcher Formen. 
Die gleichen Reize zeigen durchweg die Seidenftoffe und die wundervoll ausge 
führten Stickereien; diefe meift lebhafter in den Farben, zuweilen fehr lebendig 
und naturaliftifch in Blumen und Vögeln gezeichnet, ftets ohne Angabe von Schat 
ten und Licht, jene zum Theil von feinen, zum Theil von tiefften und fatteften 
Farben, zum Theil höchft zart in der Harmonie, andere wieder mit breiten Gold-
	        
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