MAK

Full text: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873

206 
DIE FRAUENARBEIT. 
Jung prangte, und half die mannigfachen Spielarbeiten überfehcn, die hie und 
da ihren Platz gefunden hatten, die gefchnitzen Kirfchkerne , die Blumenfträufse 
aus Mufcheln und ähnliche veraltete, halb vergeffene Dinge, die Ergebniffe nutz 
los verbrachter Mufsezeit. 
Getrennt von dem Ausftellungsraume der Schul- und Frauenarbeiten, drü 
ben im Induftriepalafte felbft, waren da und dort noch einzelne weibliche Arbei 
ten zu finden, die fich von fehr verfchiedenem Werthe zeigten. Da waren Flach 
flickereien von eminenter Technik, figürliche Darftellungen von Angela Span- 
dari ausgeftellt; wenige Schritte weiter war eine klägliche Haararbeit zu fehen, 
ein Landfchaftsbild, das durch mehrfaches Beftreichen des Papieres mit Gummi 
oder einem ähnlichen Klebeftoff, und durch Beftreuen der angefeuchteten Stellen 
mit feingefchnittenen Haarendchen zu Stande gebracht wird. Die Ausftellerin 
des confufen, wirren Dinges, das fich in widerftrebender Häfslichkeit als Land 
fchaftsbild präfentirte, wies eine Medaille auf, welche fie auf der Weltausdellung 
zu London für diefe Gefchmacksabnormität erworben hatte. Aehnlich in Erfin 
dung und ähnlich in Häfslichkeit zeigte fich eine Gefellfchaft von Vögeln aus 
Schafwolle gemacht, kleine borftige Gehalten, die einen ganzen Schrank von 
oben bis unten füllten, und durch ihre traurige Erfcheinung nur von der Mühe 
und Plage erzählten, die fie gekoflet hatten. Glänzend fahen dagegen die Ar 
beiten des Albergo dei Poveri zu Genua, die Weifsflickereien von Paolina 
Carnaghi, die geklöppelten Spitzen von Domenica Zennoro aus. 
Italien hat klarer als manches andere Land gezeigt, welche Gebiete die 
Frauenarbeit berühren darf und welche nicht; es hat die Arbeiten guter Plrfin- 
dung und guter Technik neben die kindifchen Experimente von Frauenhand ge 
deih, und hat dadurch erfichtlich gemacht, von welchem Reiz und welchem 
Werth die einen, von welcher traurigen, von welcher lächerlichen Erfcheinung 
die anderen find. Leider id dies letztere den Frauen felbd noch lange nicht 
klar, und die Ausrufe des Entzückens, mit welchen die Befucherinnen der italie- 
nifchen Ausheilung die gedickten Modebilder für herrliche Gemälde erklärten, 
machten fad einen ebenfo betrübenden Eindruck wie die Arbeiten felbd. 
Aehnliche Verirrungen, wie wir fie in Italien gefunden, wies die Ausheilung 
des deutfehen Reiches auf; nur war hier mit gröberen Mitteln, mit derbe 
rem Material, mit viel ungefchlachterer Technik gefündigt, und dadurch der 
Effect ungleich grotesker als dort. Unter den Frauenarbeiten, welche Deutfch- 
land gebracht hatte, waren wenige von Dilettantinnen ausgedellt, fondern meid 
von Firmen, die in hohen Schränken eine bunt durcheinander gewürfelte, holze 
Prachtausgabe moderner Gefchmacksverirrungen darboten. Da waren die dicken 
Wollblumen in allen Farben und allen Gröfsen, die gedickten Bilder mit in üel 
gemalten Gliedmafsen und Gefichtern, welche mit Hintanfetzung aller wohlthä- 
tigen Illufionen in die Stickerei hinein geheftet waren, da zeigten fich die figür 
lichen Dardellungen in Kreuzdichdickerei, die viereckigen Augenderne und Na- 
fen, die derben Farbenabdufungen und Schlagfchatten von Roth und Blau in 
allen Gefichtern, und da prangte ein ganzer Garten von grellen, lärmenden Blu 
men in allen Farben, die durch die Prätenfion abnormer Schönheit einen dop 
pelt bedauerlichen Eindruck machten. Was da fchon in der einzelnen Arbeit
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.