MAK

Full text: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873

DIE FRAUENARBEIT. 
207 
durch Farbe und Zeichnung, durch Technik und Material gefündigt war, das 
trat im Ganzen, in der Zufammcnflellung, durch das prunkhafte, meift ge- 
fchmacklofe Arrangement noch verdoppelt zu Tage. Diefe grellen Farbentöne, 
welche da unvermittelt neben einander lagen, diefe Menge von gleichartigen, 
gleich lärmenden Objecten machten durch ihre rückhaltlos marktfchreierifche Er- 
fcheinung den Effect unfehlbaren Selbflbewufstleins. Solche decorativen Frauen 
arbeiten, wie wir sie hier auf Kiffen, Ofenfchirmen und Teppichen zu fehen beka 
men, find abfolut unverwendbar, abfolut häfslich, abfolut verfehlt; ihre Technik 
ift irrthümlich, ihre Farbenzufammenftellung ift unmöglich, ihrer Zeichnung man 
gelt die Wahrheit; ein einziges Stück, wie deren jeder Schrank zu Dutzenden 
aufzuweifen hatte, genügt, um ein wohl eingerichtetes Gemach zu entftcllen, um 
aus dem beftangelegten Arrangement Ruhe und Behagen zu entfernen. 
Auch unter den einzelnen Dilettantenarbeitcn, die fich hier vorfanden, war 
da und dort eine ähnliche Gefchmacksrichtung zu entdecken, wie wir fie eben 
in den Schaukäften gefehen; auch da prangte zuweilen eine kühne Abfonderlich- 
keit in Gold- und Glasperlen und dergleichen wohlfeil gruppirtem Materiale, ohne 
Rückficht auf Ziel und Zweck der Arbeit. Aber in der Technik war hier viel 
mehr Fleifs und Ernft zu fehen, und einzelne Dinge, wie die ausgezeichnete 
Flachftickerei von A. Lentvor, verdienten unbedingtes Lob, wenn nicht in 
der Zeichnung unläugbare Mängel zu Tage getreten wären. 
Reizend, wie überall, wo fich folche Arbeiten finden, zeigten fich irifche 
Spitzen, nach alter Klofterarbeit angefertigt, die Imitation von Venetianer Gui- 
pure in Batift genäht, einige ausgezeichnete Weifsftickereien und vorzügliche 
Weifsnähereien aller Art. 
Drüben in dem Pavillon, welcher die Ausheilung der Unterrichtsanflalten 
des deutfehen Reiches fafste, war auch eine nicht geringe Zahl von weiblichen 
Schulen vertreten , welche die verfchiedenartigften Frauenarbeiten brachten. Es 
waren da die Vereinsfchulen, Töchterfchulen, Privatinfhtute, Klofterfchulen, Wai- 
fenhäufer, Blindeninftitute und die Seminare zur Heranbildung von Lehrerinnen 
zu finden. 
Unter den Vereinsfchulen brachte der Lette-Verein die Arbeitsproben 
feiner Handels- und Gewerbefchulen, nebft den Handelsbüchern, Mafchinennähe- 
reien, Kunftblumen, Ilolzfchnitzereien, Handarbeiten verfchicdener Art, durch 
die er einen befriedigenden Einblick in das Programm feiner Lehranftalten gab. 
Der badifche Frauenverein, welcher unter dem Protectorate der Grofs- 
herzogin Luife fteht, exponirte nebft einer Anzahl ausgezeichnet fchöner Hand 
arbeiten, nebft Spitzen und Stickereien, den Flachs,^ den Hanf und die Baum 
wolle in verfchiedenen Stadien der Bearbeitung, von der getrockneten 1 flanze 
bis zum feinen, wohlgefponnenen und gedrehten Faden, Mufter der Fabrikation 
von Porzellan- und Beinknöpfen und Glasperlen, und einige eminent fchöne 
Luxusarbeiten, darunter eine Decke aus Segeltuch, die durch gute Zeichnung 
und glückliche Erfindung ganz befonders bemerkenswert]! erfchien. 
Der Verein zur Förderung weiblicher Erwerbsthätigkeit hatte nebft 
den Hand- und Mafchinennähereien Mufterzeichnungen, Lithographien und biei- 
handzeichnungen, nach der Natur ausgeführt, gebracht.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.