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DIE FRAUENARBEIT
in Weifs hingen und lagen da in einem grofen Schranke die Tücher, Schleier und
Spitzen, manche tadellos fchöne Arbeiten von ganz jungen Mädchen, den 12 bis
16 Jahre zählenden Schülerinnen angefertigt. Die Anftalt befitzt derzeit 2000
Zöglinge, welche dort den Unterricht geniefsen und für ihre Arbeit entlohnt
werden. Die Jüngeren derfelben verdienen bei einer täglichen Arbeitszeit von
6 bis 7 Stunden, von welcher 3 bis 4 Stunden in der Woche für den Nähunter
richt entfallen, 30 bis 70 Thaler im Jahre, während die älteren Schülerinnen bei
Fleifs und nöthiger Gefchicklichkeit circa 140 Thaler jährlich mit Spitzenklöp
peln erwerben.
Dänemark hatte einen kleinen, ganz befcheidenen Raum in dem Riefen
bau des Induftriepalaftes inne; man mufste es fuchen, um es zu finden und fich
dort der mannigfachen, hervorragenden Produkte der induftriellen und kifnftge-
werblichen Thätigkeit des Landes, der ausgezeichneten Arbeiten in Holz, Thon
und Metall zu freuen, mit welchen es auf der Ausfüllung glänzte. Und in
einer halbverborgenen Ecke des dänifchen Ausftellungsraumes, nett geordnet,
zu einer befonderen Gruppe vereint, waren da die Frauenarbeiten des Landes,
die von Dilettantenhand gemacht, die der Schulen, und die der nationalen weib
lichen Hausinduftrie.
Unter den Schulen, von denen nur wenige vertreten waren, zog insbefondere
das Blindeninftitut zu Kopenhagen die Aufmerkfamkeit auf fich. Es hatte
eine reiche Ausftellung der Arbeiten von weiblichen Zöglingen gebracht, unter
denen alle Arten von Strick-, Häkel-, Filet-, Nadel- und Knüpfarbeiten, Ma-
fchinennähereien , Stroh- und Tuchflechtereien vertreten waren, alles fauber und
gut, manches überrafchend fchön gemacht.
Neben den Schulen fchimmerten in Seide und in bunten Farben die Arbei
ten der Dilettantinnen, die vorzüglichen Stickereien auf Tuch und Sammet, rei
zende Blumengewinde, köftliche kleine Thierftudieii, ganz wunderbare Erfindun
gen , in Technik und Zeichnung fadellos, wie wir fie kaum fonft irgendwo in
der Ausftellung gefehen. Die dänifchen Frauen haben mit glücklicher Hand
den lohnenden Verfuch gewagt, naturaliftifche Motive mit Nadel und Faden dar-
zuftellen, einen Verfuch, den fo viele Frauen zum Scheine gemacht, und der
doch nur da zu rechtfertigen ift, wo er fo gelingt, wie diefs hier der Fall war.
Mit ausgezeichnetem Verftändnifs für Form und Farbe, mit dem richtigen Sinne
für die Schwächen und die Schönheiten der Natur, waren da kleine Epifoden,
wie fie fich draufsen im Frühlingsgrün, auf Bufch und Baum, und zwifchen
blühenden Zweigen und Ranken abfpielen, in winzige Bildchen gebracht, die
uns mit überrafchender Naturwahrheit entgegen fchauten. Es war nicht die
Seide, die unfer Auge feffelte, es glänzte nirgends der Faden durch, es war eine
regellofe, jedem Lichtfunken, jedem Schatten, jeder Biegung angepafste Technik,
die das Ganze zufammenfügte, das auf dem dunklen Sammet lag und ein lieb
liches Bild voll frühlingsgrüner Blätter abgab, in welchem die Vögel vergnügt
niederhockten, die Blümchen glühten und prangten, fich läffig gegen einander
lehnten oder mit den prunkenden Köpfchen durch die Grashalme fchauten.
Neben diefen kleinen Studien, aus denen die reiche Lebensluft der glückli
chen Erfindung uns lachend entgegen fah, war eine andere Frauenarbeit von