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Full text: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873

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DIE FRAUENARBEIT 
in Weifs hingen und lagen da in einem grofen Schranke die Tücher, Schleier und 
Spitzen, manche tadellos fchöne Arbeiten von ganz jungen Mädchen, den 12 bis 
16 Jahre zählenden Schülerinnen angefertigt. Die Anftalt befitzt derzeit 2000 
Zöglinge, welche dort den Unterricht geniefsen und für ihre Arbeit entlohnt 
werden. Die Jüngeren derfelben verdienen bei einer täglichen Arbeitszeit von 
6 bis 7 Stunden, von welcher 3 bis 4 Stunden in der Woche für den Nähunter 
richt entfallen, 30 bis 70 Thaler im Jahre, während die älteren Schülerinnen bei 
Fleifs und nöthiger Gefchicklichkeit circa 140 Thaler jährlich mit Spitzenklöp 
peln erwerben. 
Dänemark hatte einen kleinen, ganz befcheidenen Raum in dem Riefen 
bau des Induftriepalaftes inne; man mufste es fuchen, um es zu finden und fich 
dort der mannigfachen, hervorragenden Produkte der induftriellen und kifnftge- 
werblichen Thätigkeit des Landes, der ausgezeichneten Arbeiten in Holz, Thon 
und Metall zu freuen, mit welchen es auf der Ausfüllung glänzte. Und in 
einer halbverborgenen Ecke des dänifchen Ausftellungsraumes, nett geordnet, 
zu einer befonderen Gruppe vereint, waren da die Frauenarbeiten des Landes, 
die von Dilettantenhand gemacht, die der Schulen, und die der nationalen weib 
lichen Hausinduftrie. 
Unter den Schulen, von denen nur wenige vertreten waren, zog insbefondere 
das Blindeninftitut zu Kopenhagen die Aufmerkfamkeit auf fich. Es hatte 
eine reiche Ausftellung der Arbeiten von weiblichen Zöglingen gebracht, unter 
denen alle Arten von Strick-, Häkel-, Filet-, Nadel- und Knüpfarbeiten, Ma- 
fchinennähereien , Stroh- und Tuchflechtereien vertreten waren, alles fauber und 
gut, manches überrafchend fchön gemacht. 
Neben den Schulen fchimmerten in Seide und in bunten Farben die Arbei 
ten der Dilettantinnen, die vorzüglichen Stickereien auf Tuch und Sammet, rei 
zende Blumengewinde, köftliche kleine Thierftudieii, ganz wunderbare Erfindun 
gen , in Technik und Zeichnung fadellos, wie wir fie kaum fonft irgendwo in 
der Ausftellung gefehen. Die dänifchen Frauen haben mit glücklicher Hand 
den lohnenden Verfuch gewagt, naturaliftifche Motive mit Nadel und Faden dar- 
zuftellen, einen Verfuch, den fo viele Frauen zum Scheine gemacht, und der 
doch nur da zu rechtfertigen ift, wo er fo gelingt, wie diefs hier der Fall war. 
Mit ausgezeichnetem Verftändnifs für Form und Farbe, mit dem richtigen Sinne 
für die Schwächen und die Schönheiten der Natur, waren da kleine Epifoden, 
wie fie fich draufsen im Frühlingsgrün, auf Bufch und Baum, und zwifchen 
blühenden Zweigen und Ranken abfpielen, in winzige Bildchen gebracht, die 
uns mit überrafchender Naturwahrheit entgegen fchauten. Es war nicht die 
Seide, die unfer Auge feffelte, es glänzte nirgends der Faden durch, es war eine 
regellofe, jedem Lichtfunken, jedem Schatten, jeder Biegung angepafste Technik, 
die das Ganze zufammenfügte, das auf dem dunklen Sammet lag und ein lieb 
liches Bild voll frühlingsgrüner Blätter abgab, in welchem die Vögel vergnügt 
niederhockten, die Blümchen glühten und prangten, fich läffig gegen einander 
lehnten oder mit den prunkenden Köpfchen durch die Grashalme fchauten. 
Neben diefen kleinen Studien, aus denen die reiche Lebensluft der glückli 
chen Erfindung uns lachend entgegen fah, war eine andere Frauenarbeit von
	        
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