234
DIE FRAUENARBEIT
waren die Arbeiten der flavifchen, fiebenbürgifchen und rumänifchen Bevölkerung
Ungarns neben denen Slavoniens und Croatiens gruppirt, während draufsen im
Parke, in dem fächfifchen Bauernhaufe und in der hölzernen wallachifchen Hütte,
fich- ergänzende Studien machen liefsen. In diefer letzteren war wenig zu finden;
auf einem niederen Webftuhl war ein fchmaler, teppichartiger Stoffftreifen aus-
gefpannt, etwa eine Schürze, wie wir fie, oft einfach, oft mit bunter, ausnehmend
fchöner Stickerei verziert und mit blitzenden Goldfäden durchzogen, an der
Wand hängen fahen, oder ein Stück der wollenen Decke, wie fie über die roh
gezimmerten, mit Stroh gefüllten Betten gebreitet war. Aufser dem Webftuhle
war da der Spinnrocken, einige grobleinene Hemden mit der Kreuzftichverzie-
rung auf Bruft und Aermel, und einige andere dürftige Wäfchftücke mit fchma-
len Bordüren im Schnürfaume und der eigenthümlichen Flechtarbeit, die wir an
Handtüchern und ähnlichen Dingen in Dänemark gefunden.
Viel freundlicher als das vereinfamte wallachifche Haus mit feinen öden,
freudlofen Wänden, empfing den Befucher das Haus der fiebenbürger Sachfen,
in welchem, nebft manchem nationalen Geräthe, hinter den Glasthüren der ge
höhnten Commode eine ganze Sammlung von nationaler Frauenarbeit, auf dem
Sonntagsftaate der Bewohner zu finden war. Weifsftickereien in breiten Rän
dern auf Hemden, Schürzen und Tüchern, fchwarze Seidenftickereien, zwifchen
deren Arabesken, goldene Flitterfternchen und blitzende Linien prangten, Deffins
mit weifsen Fäden in Tüll genäht, Flachftickereien in Wolle und Seide auf den
fchweren Kleidern des Mannes, kleine Mützchen, metallene Gürtel und ähnliche
Schätze füllten den Schrank. .
Viel hübfcher und viel eigenthümlicher als diefe Dinge zeigten fich die
Kreuzfticharbeiten in blau, fchwarz und roth, mit denen die hochgefüllten, weifsen
Kiffen, die auf den Betten im Wohnzimmer und in der Gaftftube lagen, reich
verziert waren. Köftliche Deffins von ftilgerechter Klarheit lagen auf dem Lin
nenzeug, Arabesken, Blumen in reizenden Linien und origineller Schönheit.
Diefelbe Arbeit war drüben im Induftriepalafte zu finden; auch da hatten die
fächfifchen Frauen Siebenbürgens von den wunderhübfchen Kreuzfticharbeiten
auf Decken, Tüchern und auf Linnenzeug aller Art die prächtigften Dinge ge
liefert. Statt der feinen Ranken, die fich über den Rand der Kiffen hinzogen,
waren da fchwere Bordüren in glühendem Roth auf weifsem Untergründe ausge
führt, neben denen an anderer Stelle graziöfe Lifieren oder leichte Bändchen in
zarten Linien erfchienen. — Neben den Kreuzfticharbeiten zeigten fich viele
Flachftickereien, die aber von den erfteren an Schönheit und Originalität weit
übertroffen wurden. Ganze Käftchen lagen da voll von diefen Arbeiten;
ganz wunderhübfche Dinge, eine Fülle von Erfindungen in den Zeichnungen, in
der Anwendung ftilgerechter Motive waren da zu fehen, von denen eine grofse
Zahl mit ihrer frifchen Schönheit als belebendes Element in unfere moderne
Frauenarbeit mit vielem Glücke einzuführen wären.
Unter den Arbeiten der flavifchen Hausinduftrie zeigte fich das verfchie-
denartigfte Material von dem fchweren, dicken Schafwollfaden bis zur Seide
und zum blitzenden Golde, in höchft willkürlicher Farben - Mifchung verwen
det. Auf den weifsen Oberhemden, mit den kurzen, weit gebaufchten Aer-