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DIE FRAUENARBEIT.
Spinnrocken und ftand der Webfluhl, auf welchem, in einzelnen verflochtenen
Fäden, ein Stück des einfachen, groben Linnenzeuges lag, das hier in fchweren,
aufgerollten Ballen zwifchcn den Holzfchnitzereien, den Flechtarbeiten und man
chem Geräthe von Männerhand geformt, zur Schau geftellt war.
Am nördlichen Ende der rufflfchen Aufteilung, kaum getrennt durch ein
hohes Portal, zeigte fleh die Expofltion der Länder des Kaukafus und von
Turkestan, wie eine glühende, tropifche Blume, welche der Zufall mitten auf
die fremde, nordifche Erde herabgefchleudert hat. In orientalifcher Farbe und
Schönheit fchimmerte und prangte da Alles und leuchtete vor allem die Frauen
arbeit, die auf Seide und Sammet, mit Goldfaden und Albernen Schnüren das
fonnige Gepränge des Südens hinzauberte. Schwere fammetene Decken, Ge
wänder von oricntalifchem Schnitt, Gürtel, in denen Flitterquaften hingen, Vor
hänge mit hochaufklimmenden frcmdländifchcn Blumen und kühnen Arabesken,
durch welche Sterne blitzten und der Alberne Halbmond leuchtete, gemahnten an
das Morgenland, an die Türkei, in deren Ausftellungsraum unter einem Balda
chin von farbenprächtigen, fchweren Geweben, und unter fanft gebogenen Pal
menzweigen, die Frauenarbeit des Landes an bevorzugter Stelle erfchien.
Wir haben es hier nicht mehr mit der Arbeit von Frauenhand allein zu thun,
wenn wir die herrlichen Gold- und Scidenftickcreicn, die bunten Teppiche, die
Schleier, Kiffen, Decken und Gewänder betrachten, welche die Länder des Orients,
welche Pcrficn, Indien, die Türkei, Tunis, Marokko, Egypten zur Ausfüllung ge
bracht hatten. Wir wiffen', wie fehr die Hand des Mannes hier im Spiele ift,
wieviele der wunderprächtigen Farbenmifchungen, der kunftgerechten Zeichnun
gen, der glücklichen Zufammenftellungen in Form und Material ein Werk des
Mannes find, der hier zu Lande das reizende Gefüge, das die Frau allerojts als
ihre Arbeit kennt, mit feiner Erfindungskraft belebt und gekräftigt hat und mit
deffen Hülfe das weltberühmte, unnachahmliche, in Form und Farbe untadelige
Induftrieproduct zu Stande kommt, das wir als orientalifche Frauenarbeit kennen.
In Tambourftich auf Seide, Tuch und Gazeftofif, in Goldftickerei auf purpur
nem Sammet, in Flachftickerei auf Leder und anderen Stoffen, in Bcnähungen
mit Gold- und Silberfchnürchen zeigten fich die vornehmften Arten der Technik
in den Arbeiten der Türkei. Wie begreiflich, war kaum ein Ding zu fehen,
auf dem nicht irgend ein leuchtender.Funke lag, bald als blitzender Faden, der
fich gehcimnifsvoll durch das Gewebe zog, bald als flimmernde Spitze, die am
Rande des Gewandes oder des Schleiers hing, bald als eine Laft von Gold und
Silber, die mit prunkendem Gefunkel, fchwer und mächtig auf dem Unter-
ftoffe lag.
In der Tambourararbeit, der eigentlichen Technik des Morgenlandes, hat
fich die Türkei weit hinter den anderen Ländern des Orients gezeigt. Gröber,
unregelmäfsiger reihte fich hier Stich an Stich, als dies in Perfien und nament
lich in Indien zu finden war; die Arbeiten fahen lofe und weniger gediegen aus,
wenn fich auch die Macht der guten Farbe mit allem eigenthümlichen Reize in
ihnen zur Geltung brachte. In glücklicher Verwendung war die Tambourarbeit
auf dem Kleide einer der vielen Coftümfiguren zu fehen, mit welchen der Aus
ftellungsraum der Türkei gefchmückt war. Auf geftreiftem Stoffe, der in hellen