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Full text: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873

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DIE FRAUENARBEIT. 
zückung gefchaffen zu fein fclieint, als Gegenfatz zu dem bunten Gewimmel, in 
welchem der hoch aufgebäumte Drache, kämpfende Vögel und fchwirrende In- 
fecten durcheinander krabbeln, haben Japan und China vielfach die Skizze als 
Bild, als gemalte, geflickte und gewebte Mähr gebracht, als finnige, nicht feiten 
höchft klare Darftellung der einfachen, reizenden Scenen, die fich täglich und 
- ftündlich draufsen unter freiem Himmel ergeben, zwifchen Schilfgras, Moos, am 
Uferrandff, auf der Felfenhöhe. In wenigen kecken Zügen war fo ein Bild ge 
zeichnet, in welchem Reiher oder Paradiesvogel, die Schwalbe, die jagende Katze, 
der fratzenhafte Affe oder irgend ein anderer, oft ganz unfeheinbarer Gefelle in 
treuer Darftellung und doch in dem verklärenden Lichte finniger Dichtung erfchien. 
In Japan zeigte fich hie un’d da die Frauenarbeit in derfelben Verwendung 
wie in der Türkei, nämlich als erhöhter Schmuck fchon deffinirter Kleidftoffe, 
und zwar nicht fo befcheiden wie in dem letztgenannten Lande, als tambourirte 
Bordüre, welche die hellen Streifen des Gewebes ziert, fondern geradezu prunk 
voll auf kofibaren Stoffen, in welche glühende, farbenprächtige Blumen gewebt 
waren, zwifchen denen fchillernde Falter, blauflüglige Libellen und tropifche 
Vögel auf- und niederflogen, welche in der unvergleichlichen Technik des 
Landes ausgeführt, wie gemalt erfchienen. 
Japan und China zeigten uns, gleich dem kleinen Dänemark, wie fich na- 
turaliflifche Motive in der Frauenarbeit verwenden laffen, ohne gegen die unde- 
finirbaren Gefetze des guten Gefchmacks zu verftofsen. Halb Wahrheit, halb 
Dichtung und Erfindung, trugen diefe Arbeiten das Gepräge echt künftlerifchen 
Werthes an fich, ohne den jede Frauenarbeit, bei welcher,Zeichnung und Farbe 
in’s Spiel kommen, dauernden Reizes entbehrt. Willkürlicher angelegt, freier in 
der Wahl des Vorwurfs, aber ebenfo glänzend in der Ausführung zeigten fich 
die Arbeiten Japans und Chinas neben denen des Orients. Angehaucht von der 
Farbenfchönheit des Südens, überfchüttet von dem Sonnenglanze, der dort über 
der Erde liegt, haben wir die Frauenarbeit des Morgenlandes in ihrer vollen, 
blühenden Pracht gefehen. In dem dunklen, fchattenreichen Haufe des Orients 
ift die Frauenarbeit die fchimmernde, leuchtende Decoration, die Licht und Leben 
in die Räume bringt und fie wohnlich macht und fchmückt; fie ift zu folchem 
Zwecke befonders geeignet, und was wir von ihr uns in Technik, in Zeichnung, 
in Wahl des Materiales aneignen können, wird der europäifchen Frauenarbeit zu 
Hatten kommen und ihr einen würdigen Platz, neben den köftlichften Decorations- 
arbeiten moderner Induftrie einräumen. 
Aus eben den europäifchen Arbeiten haben wir gefehen, dafs fie weit 
weniger in der Technik als in Farben und Zeichnung hinter denen des Orients 
zurückblieben. In widerfinniger Verwendung von unzweckmäfsigem Materiale, 
von geiftlofer Erfindung, häfslich in Form und Colorit fallen wir hunderte von 
Dingen in fo tadellofer Technik ausgeführt, wie fie nur die vollkommenflen Ar 
beiten des Morgenlandes gezeigt. Es ift fafl unbegreiflich, wie fich Mufter und 
Motive von fo unberechtigter Exiftenz, deren manche Länder ganze Heere 
brachten, feit vielen Jahrzehnten ein fall unbeftrittenes Bürgerrecht in dem hoch- 
cultivirten Europa erwerben konnten. Akademieen, Kunftfchulen, Mufeen find 
entftanden, Kunft und Gewerbe nehmen einen immer mächtigeren Auffchwung
	        
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