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Full text : Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873

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PLASTIK  UND  MALEREI.

Es  wäre  eine  eben  fo  erfreuliche  Aufgabe,  wie  es  durch  die  Gerechtigkeit  erfordert ­
  wird,  der  monumentalen  Kunft  der  Franzofen  eine  eingehende  Würdigung ­
  widerfahren  zu  laffen;  und  doch  mufs  es  aus  Mangel  an  Raum  unterlaffen
werden.  Nur  eine  fummarifche  Ueberfchau  ift  möglich,  welche  aber  um  fo  mehr
dem  Bedürfniffe  an  diefer  Stelle  genügen  kann,  als  die  Franzofen,  hier  wie  überall
Meifler  in  der  Infcenefetzung,  die  Hauptmaffe  ihrer  monumentalen  Kunft  in  iiberfichtlichem
  und  impofantem  Gefammtbilde  vorgeführt  hatten.  Wir  meinen  die  fchon
angedeutete  Specialausftellung  der  Stadt  Paris,  welche  ihrer  eigenthümlichen
  Zufammenfetzung  wegen  fich  in  das  Gruppenfchema  der  Weltausftellung  nicht
einfügte,  und  deshalb  ganz  abgefondert  aufgeftellt  werden  mufste,  leider  aber
keinen  felbftändigen  Bau  zum  Aufenthaltsorte  angewielen  bekommen  hatte,  fondern
  am  Ende  einer  „Zwifchengalerie“  (eines  überdeckten  Hofes),  gegen  die  Haupthalle ­
  des  Induftriegebäudes  durch  eine  Ausftellung  von  Wagen  u.  f.  w.  maskirt,
einen  für  viele  Befucher  unentdeckten  Aufenthalt  gefunden  hatte.  Solche  unfindbare
  Räume,  welche  in  dem  Weltausftellungspalafte  von  Paris  1867  durch  keine
Kunft  herzuftellen  gewefen  wären,  brachte  eben  das  winkelige,  unorganifche  und
confufe  Syftem  des  Wiener  Baues  reichlich  und  fpontan  hervor.
Dort  fahen  wir  nun  die  Entwürfe  zu  48  ausgeführten  Bauwerken  der  Stadt,
dazu  von  achten  prächtige  monographifche  Bearbeitungen,  ferner  eine  mufterhafte
Monographie  über  das  verbrannte  Hotel  de  Ville,  und  endlich  fechs  Concurrenzpläne
  für  deffen  Wiederaufbau.  Als  architektonifche  entziehen  fich  diefe  Werke
der  Beurtheilung  an  diefer  Stelle:  fie  werden  fie  nach  Bedürfnifs  von  anderer  Seite
erfahren.  Aber  wir  fehen  überall  Maler  und  Bildhauer,  oft  in  beträchtlicher  Anzahl, ­
  als  „Mitarbeiter“  aufgeführt;  zum  Beweife,  dass  überall  bei  öffentlichen  Gebäuden, ­
  von  dem  Juftizpalaft,  der  Dreifaltigkeitskirche  und  dem  Chätelet-Theater  bis
herab  zu  Schulen,  Mairien  und  Cafernen,  den  bildenden  Künften  würdige  Aufgaben ­
  in  der  Theilnahme  an  der  monumentalen  Geftaltung  zu  Theil  werden.
Theils  für  diefelben,  theils  für  zahlreiche  andere  Architekturen  der  franzöfifchen
Hauptftadt  fahen  wir  in  Skizzen,  in  Cartons  und  Modellen,  in  fertiger  Ausführung
und  in  verfchiedenartigfter  R'eproduction  von  Malern  und  Bildhauern  monumentale
und  zum  Theil  fehr  umfangreiche  Arbeiten  geliefert,  und  —  fei  es  auch  mit  weniger ­
  Originalität  und  Genie  —  die  jüngeren  in  den  Spuren  der  grofsen  Vorgänger ­
  voranfehreitend.
An  diefe  felbft  werden  wir  noch  vielfach  erinnert.  Eugene  Delacroix  ift
durch  feine  drei  Gemälde  in  der  Engelcapelle  der  Kirche  St.  Sulpice  vertreten,
•jene  mächtigen  Ausbrüche  einer  gewaltigen  und  fruchtbaren  Phantafie,  welche
durch  das  Ungeftüm  ihrer  Lebensfülle  einen  beftechenden  Erfatz  für  die  mangelnde ­
  ftilvolleRegelmäfsigkeit  und  Symmetrie  der  Compofition  darbieten.  Hippolyte ­
  Flandrin,  der  ernfte  und  feierliche  Meifter,  der  gröfste,  den  Frankreich
je  im  religiöfen  P'ache  grofsen  Stiles  hervorgebracht,  giebt  in  feinen  Malereien
der  Kirche  St.  Severin  und  der  Kirche  St.  Germain  des  pres  fowie  in  den  herrlichen ­
  Fresken  aus  der  Kirche  St.  Vincent  de  Paule  einen  Maafsftab,  der  freilich,
flreng  zur  Anwendung  gebracht,  für  die  Jüngeren  vernichtend  ift.  Hierzu  kommt
noch  die  grofsartige  Zeichnung  von  Jean  Augufte  Dominique  Ingres:  „Die
Apotheofe  des  Homer“,  urfprünglich  als  Deckenbild  für  einen  der  Antikenfäle
            
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