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PLASTIK UND MALEREI.
des Freifchützen- und Plänklercorps vor Paris mit einer Krankhaftigkeit der ganzen
Erfcheinung vor uns, die etwas Grauenerregendes hat, und der bleiche Teint des
hohlbackigen Geflehtes geht in furchtbarer Monotonie durch das graublaue Wamms
der Uniform in den tonlos ftumpfen grauen Hintergrund über, •— ein unheim
liches Enfemble. Das kleine Portrait des Grafen R. in gelbgrauem Rock ift in
feiner fchlichten Faceftellung nur fo hingefchrieben, der ganze Mann, wie er leibt
und lebt, in höherer, ruhiger Vornehihheit mit überlegendem und überlegenem
Geifte. Nicht weniger ift in feiner draftifchen Art der „normannifche Typus“ ge
lungen. In allen: diefen verfchiedenen Auffaffungs- und Behandlungsweifen haben
wir das Gefühl, dafs der Künftler feinen Gegenftänden vollftändig gerecht wird,
und wir fehen ihn mit unbefchränkter Meifterfchaft über eine unverbrüchlich
fichere Technik gebieten, der jedes Mittel recht und jeder Zweck erreichbar ift,
und fo mag der Totaleindruck der Bilder je nach der Eigenthümlichkeit der
Dargeftellten und der fubjectiven Zu- und Abneigung der Befchauer mehr oder
weniger anziehend fein: jedes feiner Bilder ift von eigenartigem und feffelndem
Intereffe, ein Lob, welches kaum hoch genug angefchlagen werden kann, An-
gefichts der Fluth gleichgültiger Menfchenabbildungen, mit denen in ewiger
Monotonie und Langweiligkeit die meihen Portraitkünftler unferer Tage die
Ausheilungen überfchwemmen, ohne uns für hch und ihre Opfer interefhren
zu können. Das verliehen die franzöhfchen Portraitkünftler fah durchgängig,
und darin liegt ihre grofse Ueberlegenheit.
Man darf auf diefen Umhand keineswegs ein zu geringes Gewicht legen,
denn die Blüthe der Portraitkunh ih von der Blüthe der Kunh grofsen Stiles
durchaus nicht zu trennen und ihre nothwendige Vorausfetzung. Alle Meiher
der grofsen Malerei, die auf verheifsungsvollen Wegen gewandelt find und die
höchhe Spitze künhlerifcher Entwickelung bezeichnet haben, find im Portrait
grofs gewefen, und wo eine hohe Kunh ohne gleichzeitige Blüthe der Portrait
kunh fich gezeigt hat, da war die Frucht taub, die Nachfolge glitt unmittelbar
in den Verfall hinein. So wird uns der Zuhand der Portraitkunh innerhalb der
Kunhübung einer Nation zum untrüglichen Mafshabe für die Ausfichten, welche
fich derfelben eröffnen. Eine Nation, welche über eine folche Bildnifskunh ver
fügt, wie die Franzofen, hat in der Kunh noch lange nicht ihr letztes Wort ge-
fprochen, auch wenn unter den einzelnen künhlerifchen Erfcheinungen und felbh
in überwiegender Zahl unter der Production einer längeren Epoche fich tief
gehende Spuren einer geihigen Ermattung und einer künhlichen Ueber-
reizung der Affecte, die nur auf den äufserlichen Effect losarbeitet, zeigt. Geht
daneben eine fo tüchtige und fo folide, vielfach geübte Portraitkunh her, wie in
Frankreich, fo bedarf es eben nur etwas veränderter äufserer Verhältniffe, welche
die Ueberreizung herabhimmen und an Stelle des gefuchten einen gewachfenen
würdigen Stoff der Kunh darbieten, um wieder das Gröfste erreichen zu laffen,
namentlich wenn durch alle Mifswege hindurch fich eine fo veilfeitige gewandte
und allerfeits mit Sicherheit bewältigte Technik erhält, wie das in Frankreich der
Fall ih; und auch die Concentration und einheitliche Schulung fämmtlicher
künhlerifchen Kräfte, welche durch die überlegene Stellung der Parifer Akade
mie und durch die römifche Akademie herbeigeführt wird, kann im Intereffe der'