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Full text: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873

III. FRANKREICH. 
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franzöfifchen Bildhauern am bellen und geben die ficherfle Gelegenheit, ihr 
Naturgefühl und ihre Empfindung für die Form zu bewähren. Durch lebendigen 
Rhythmus der Bewegung zeichnen fich Gauthier’s junger Wilddieb und Per- 
raud’s Erziehung des Bacchus aus, während deffen Geftalt der Verzweiflung 
gut durchgebildet, aber kalt im Ausdruck ift. Der verflorbene Protheau er- 
fcheint in feiner Gruppe »Unfchuld und Liebe«, eine Mutter mit ihrem Kinde, 
etwas zu glatt, während Boiffeau in einer Gruppe zu Chateaubriand’s Attala, 
die junge Wilde, ihr todtes Kind beweinend, es bei zart behandelten Formen zu 
einem tieferen Ausdruck der Empfindung bringt. Bei Conny’s Gruppe »Brüder 
liche Liebe«, die fchon 1867 in Paris ausgeflellt war — das Aufnehmen eines 
Verwundeten darftellend — kann man trotz des gediegenen Studiums, das man 
hier erkennt, fleh nicht über das Schwere und Maffige der Körperbildung hin 
wegfetzen. Die »Schläfrigkeit« von Etienne Leroux, eine im Seffel fleh 
ftreckende, fleh entkleidende Frauengeftalt, ifl bei aller formalen Tüchtigkeit 
doch zu gewöhnlich im Motiv und zu nüchtern in der Empfindung. Aizelin’s 
zarte Figur der trauernd fitzenden Pfyche mit der Lampe macht fleh in Bronze, 
wie man fie in der Ausflellung von Barbedienne fah, vielleicht noch fchöner 
als in Marmor. Ein neues Gypsmodell deffelben Künftlers ftellt in einem an- 
muthigen Seitenflück hierzu Pfyche mit dem Käftchen dar. Wir erwähnen noch 
die flehende Pfyche von Peiffer, die gefällig aufgebaute Gruppe »Quelle und 
Bach« von Chatrouffe, und das junge Mädchen am Brunnen von Trupheme, 
fehr fein in der Auffaffung des jugendlich holden Körpers. Mirabeau’s Stand 
bild von demfelben Künftler ifl zu rhetorifch. Bei der Marmorflatue des Mar- 
fchalls Peliffier von Crauk war das Gewöhnliche, ja Brutale der Perfönlichkeit 
nicht zu überwinden, während die geiltvolle Büfle Samfon’s von der Comedie 
Frangaife Crauk’s Meiflerfchaft im Bildnifs bekundet. Unter den hiflorifchen 
Portraitfiguren fleht Caudron’s fitzende Marmorgeflalt in erfter Reihe. Er hatte 
allerdings an Houdon’s Büfle ein wundervolles Vorbild, aber er zeigt fleh deffen 
in der geiftvollen Auffaffung des Kopfes, der Nobleffe und glücklichen Leichtig 
keit der Haltung und der meiflerhaften Ausführung werth. 
Weit überlegener, als in den Marmorwerken, trat uns aber die franzöfifche 
Plaftik in den Bronze-Arbeiten entgegen. Die Franzofen haben zunächfl das fiebere 
Gefühl dafür, welche Gattung von Arbeiten für Marmor, welche für Bronze ge 
eignet find. Sie wenden letztere in folchen Fällen an, in denen der Charakter fich 
nicht fowohl dem Anmuthigen, Weichen, Ideal-Schönen, als dem entfehieden 
Realiflifchen, dem Straff-Energifchen oderauch dem Keck-Humoriflifchen zuneigt. 
Gerade nach diefer Seite hin find fie aber vorzugsweife begabt. Sie wiffen aufserdem 
die Bronze vorzüglich zu behandeln, nicht nur im Gufs, fondern auch in der 
Cifelirung. Da finden wir flets die forgfamfle Durchführung, die gröfste Sicherheit 
in der Bearbeitung des gegoffenen Stücks mit Meifsel, Feile und Bunzen, eine 
Behandlung, welche dem Stoff gerecht zu werden, die Gewandung, das Haar, die 
nackten I heile charakteriflifch durchzubilden verlieht. In der franzöfifchen Ab- 
theilung des Induflriepalafles gehörten die Bronzen zu dem Intereffanteflen, die 
Ausflellung von Barbedinne an der Spitze. In der grofsen Rotunde fah man 
die Prpducte der Giefserei von Thiebault & fils, darunter Jacquemart’s Löwen
	        
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