III. FRANKREICH.
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franzöfifchen Bildhauern am bellen und geben die ficherfle Gelegenheit, ihr
Naturgefühl und ihre Empfindung für die Form zu bewähren. Durch lebendigen
Rhythmus der Bewegung zeichnen fich Gauthier’s junger Wilddieb und Per-
raud’s Erziehung des Bacchus aus, während deffen Geftalt der Verzweiflung
gut durchgebildet, aber kalt im Ausdruck ift. Der verflorbene Protheau er-
fcheint in feiner Gruppe »Unfchuld und Liebe«, eine Mutter mit ihrem Kinde,
etwas zu glatt, während Boiffeau in einer Gruppe zu Chateaubriand’s Attala,
die junge Wilde, ihr todtes Kind beweinend, es bei zart behandelten Formen zu
einem tieferen Ausdruck der Empfindung bringt. Bei Conny’s Gruppe »Brüder
liche Liebe«, die fchon 1867 in Paris ausgeflellt war — das Aufnehmen eines
Verwundeten darftellend — kann man trotz des gediegenen Studiums, das man
hier erkennt, fleh nicht über das Schwere und Maffige der Körperbildung hin
wegfetzen. Die »Schläfrigkeit« von Etienne Leroux, eine im Seffel fleh
ftreckende, fleh entkleidende Frauengeftalt, ifl bei aller formalen Tüchtigkeit
doch zu gewöhnlich im Motiv und zu nüchtern in der Empfindung. Aizelin’s
zarte Figur der trauernd fitzenden Pfyche mit der Lampe macht fleh in Bronze,
wie man fie in der Ausflellung von Barbedienne fah, vielleicht noch fchöner
als in Marmor. Ein neues Gypsmodell deffelben Künftlers ftellt in einem an-
muthigen Seitenflück hierzu Pfyche mit dem Käftchen dar. Wir erwähnen noch
die flehende Pfyche von Peiffer, die gefällig aufgebaute Gruppe »Quelle und
Bach« von Chatrouffe, und das junge Mädchen am Brunnen von Trupheme,
fehr fein in der Auffaffung des jugendlich holden Körpers. Mirabeau’s Stand
bild von demfelben Künftler ifl zu rhetorifch. Bei der Marmorflatue des Mar-
fchalls Peliffier von Crauk war das Gewöhnliche, ja Brutale der Perfönlichkeit
nicht zu überwinden, während die geiltvolle Büfle Samfon’s von der Comedie
Frangaife Crauk’s Meiflerfchaft im Bildnifs bekundet. Unter den hiflorifchen
Portraitfiguren fleht Caudron’s fitzende Marmorgeflalt in erfter Reihe. Er hatte
allerdings an Houdon’s Büfle ein wundervolles Vorbild, aber er zeigt fleh deffen
in der geiftvollen Auffaffung des Kopfes, der Nobleffe und glücklichen Leichtig
keit der Haltung und der meiflerhaften Ausführung werth.
Weit überlegener, als in den Marmorwerken, trat uns aber die franzöfifche
Plaftik in den Bronze-Arbeiten entgegen. Die Franzofen haben zunächfl das fiebere
Gefühl dafür, welche Gattung von Arbeiten für Marmor, welche für Bronze ge
eignet find. Sie wenden letztere in folchen Fällen an, in denen der Charakter fich
nicht fowohl dem Anmuthigen, Weichen, Ideal-Schönen, als dem entfehieden
Realiflifchen, dem Straff-Energifchen oderauch dem Keck-Humoriflifchen zuneigt.
Gerade nach diefer Seite hin find fie aber vorzugsweife begabt. Sie wiffen aufserdem
die Bronze vorzüglich zu behandeln, nicht nur im Gufs, fondern auch in der
Cifelirung. Da finden wir flets die forgfamfle Durchführung, die gröfste Sicherheit
in der Bearbeitung des gegoffenen Stücks mit Meifsel, Feile und Bunzen, eine
Behandlung, welche dem Stoff gerecht zu werden, die Gewandung, das Haar, die
nackten I heile charakteriflifch durchzubilden verlieht. In der franzöfifchen Ab-
theilung des Induflriepalafles gehörten die Bronzen zu dem Intereffanteflen, die
Ausflellung von Barbedinne an der Spitze. In der grofsen Rotunde fah man
die Prpducte der Giefserei von Thiebault & fils, darunter Jacquemart’s Löwen