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PLASTIK UND MALEREI.
für die BrückeKasr-el-Nil zuCairo und die Furie von der Herzogin von Marcello,
(Caftiglione-Colonna), geborenen Gräfin d’Affry aus Freiburg in der Schweiz,
ein Werk von wilder Leidenfchaft der Empfindung und mächtiger Formauffaffung.
Gute Biiften von derfelben hochbegabten Dame waren in der Schweizer und der
franzöfifchen Abtheilung der Kunfthalle zu finden. Die Mitte der Rotunde füllte
der riefenhafte Brunnen des verftorbenen Klagmann, gegoffen von Durenne.
Sein Aufbau kam nur deshalb nicht zur vollen Geltung, weil die ungefchickt ver
baute Rotunde das nicht zuliefs; er braucht einen weiten, freien Raum, wie die
Place de la Concorde, um rechte Wirkung zu machen.
Betrat man die Kunfthalle, fo erblickte man auf den Treppenwangen die co-
loffalen, heroifch kühnen Thiergruppen vonAugufte Cain: Löwe und Tiger mit
ihrer Beute. In der offenen Halle ftand Fremiet’s grofses Reiterbild des Her
zogs Ludwig I. von Orleans, eine Ritterfigur von vollendeter Coftümbehandlung,
wahrhaft hiftorifchem Gepräge, auch in der Auffaffung, zum Beifpiel in dem voll
kommen ruhig flehenden Pferde, dem mittelalterlichen Geifle entfprechend, aber
ohne archäiftifche Manier. Mercie hat fich in feiner Statue des David, der auf
Goliath’s Haupt feinen Fufs fetzt, von dem berühmten Werke Donatello’s im Motiv
beeinfluffen laffen, zeigt aber wirklich etwas von dem Geifte des altflorentinifchen
Realismus in feiner Schöpfung. Das gilt in noch höherem Mafse von Paul Du-
bois’Johannes dem Täufer, dem hageren Knaben von feltener Energie und Adel
der Charakteriftik. Auch deffen florentinifcher Sänger ift eine treffliche und pikante
Coftümfigur, ähnlichen italienifchen Verfuchen weit überlegen, naiv empfunden
und hiftorifch treu im Charakter.
Von Clefinger fanden wir ein in Silber ausgeführtes, mit Vergoldungen
und Cameen gefchmücktes Standbild der Phryne, die vor den Richtern fleht.
Das lebhafte Gefühl für die finnliche Schönheit fchliefst hier doch die Nobleffe
nicht aus. Auch feine Tänzerin in Bronze ift eine kecke und lebendige Figur.
Caille’s Bacchus mit dem Panther, Maillet’s Jäger, Blanchard’s junger
Equilibrifl, Moulin’s Fund in Pompeji, Tournois’ Bacchus als Erfinder der
Komödie find glücklich bewegte, tüchtige Arbeiten. Bei Lequesne’s römifchem
Sklaven, wie bei Sanfon’s römifchem Tänzer ift die ftraffe Bildung des Mannes
körpers mufterhaft durchgeführt. Der Schlangenbändiger von Bourgeois, keck
und geiftvoll, zeigte uns den Künftler von einer günftigeren Seite als in feiner
früher erwähnten Pythia, und ebenfo hat Delaplanche durch feinen Knaben auf
der Schildkröte —• ein allerliebftes Motiv — feine in Marmor ausgeführte, übervolle
Eva weit übertroffen. Von Moreau-Vauthier fanden wir eine kecke Amorfigur
und einen an der Quelle knieenden Trinker, welcher nur von Hildebrand’s Trinker
übertroffen wird. Salmfon’s Spinnerin ift eine fcharf und forgfam durchgeführte
Gewandfigur. Der Ariftophanes des verdorbenen P'ranqoi s Clement Moreau
ift ein edles und ausdrucksvolles Charakterbild. Carpeaux führte uns aufser
feiner gefälligen Genrefigur eines neapolitanifchen Fifchers mehrere Büften in
Terracotta vor, die bei vielem Geifte doch zu fehr in das Süfsliche und Sinnliche
hineinfpielen. Von kleineren Bronzen feien die Gladiatoren von Guillaume,
fowie Mene’s wohlbekannte, lebendige und geiftreiche Arbeiten: der reitende
Jäger mit den Hunden und der Araber zu Pferde, genannt.