IV. DEUTSCHLAND, OESTERREICH UND UNGARN.
gewiffenhafteres Bewältigen des gegebenen Materials. Wohl mufs man zuge-
ftehen, dafs der Künftler fich nicht immer über die Abhängigkeit vom Modell
emporgearbeitet, dafs manche Gruppen und Geflalten nicht abfichtslos genug
erfcheinen; aber er hält fich von dem opernhaften Wefen Piloty’s frei; in dem
einften Bdlreben, ein culturhiftorifches Genrebild in grofsem Mafsflabe zu geben,
drückte er demfelben auch das Gepräge eines Stils auf, der dem Umfang ent-
fpricht. Nach einer anderen Seite hin kann uns aber auch Bendemann’s Weg
führung der Juden in die babylonifche Gefangenfchaft eine Erquickung nach dem
Anblick von Piloty’s Werk gewähren. Ohne folche finnlich feffelnde und impo-
nirende Macht, felbll ohne eigentlich ergreifende Individualität und ohne das
Gepräge des wahrhaft Genialen, ift fie doch das Product einer edlen künftleri-
Tapete von Balhi in Paris.
fchen Gefinnung, die einen grofsen tragifchen Vorwurf in feinem Wefen zu er-
faffen, die Empfindungen wahr und edel zum Ausdruck zu bringen vermag, die
nicht raftet, bis fie die Handlung in das feite Metrum fchöner, geläuterter Grup
pen und Linien gefügt hat, fich aber dabei nicht mit der Phrafe zufrieden giebt.
Einen gröfseren Gegenfatz hierzu kann es kaum geben als Adolph
Menzel’s Krönungsbild, das, aus durchaus realiltifcher Anfchauung heraus ge
boren , auch deren Einfeitigkeit fcharf, doch zugleich in voller Originalität zum
Ausdruck kommen läfst. Seine Stärke liegt in der fcharfen Individualifirung, in
der durchdringenden Charakteriftik jeder einzelnen Perfönlichkeit. Was Menzel
geben wollte und was man von ihm verlangte, war nicht nur ein Kunftwerk, es
war zugleich ein hiftorifches Document. Diefer Rückficht brachte er freiwillig
fchwere Opfer, ihr allein ift es zuzufchreiben, wenn Menzel, fonft durch und
durch in feiner Anfchauung auf das Malerifche gerichtet und ein Meifter im