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Full text: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873

IV. DEUTSCHLAND, OESTERREICH UND UNGARN. 330 
Kunftwerk. Das Ganze ift zugleich ein vollendet durchgeführtes, ftimmungsvolles 
mittelalterliches Interieur, aus deffen reicher Farbenpracht der nackte Körper 
herrlich herausleuchtet. 
In mehreren genrehaften Gefchichtsbildern fanden wir endlich aufs Neue gute 
alte Bekannte wieder: Schrader’s jungen Shakfpeare als Wilddieb, der, der 
Stuttgarter Galerie gehörig, in einem der letzten Säle hing, C. Beck er’s colo- 
riftifch vortrefflichen Carl V. bei Anton Fugger, Treidler’s Abendmahl der 
Kurfürftin Elifabeth, das als die gediegene Arbeit eines jüngeren Künftlers auf 
der letzten Berliner Ausfüllung verdiente Anerkennung fand, zwei Lutherbilder 
von Guftav Spangenberg, von denen die Gruppe der bibelüberfetzenden 
Reformatoren zwar zu trocken in Charakteriftik und Behandlung iE, dagegen 
Luther bei der Hausmufik im Kreife der Seinen durch die Wahrheit in der Auf- 
faffung der gefchichtlichen Charaktere in wohl gewählter, einfacher Situation 
und durch die naive Anmuth in den Kindern uns als ein Müller feiner Gattung 
werth bleibt. 
Ueberblickt man die Schöpfungen, von denen wir eben gefprochen, fo bleibt 
fchliefslich immerhin das erfreuliche Refultat, dafs von den älteren und bewähr 
ten Meiftern der Düffeldorfer und der Berliner Schule, von Bendemann und 
Menzel, hervorragende Werke vorhanden find, die fie in voller Kraft des 
Schaffens zeigen, dafs aber auch eine Reihe jüngerer Kräfte mit folchen Arbei 
ten auf den Schauplatz tritt, die in Umfang und Stoff über das hinausgehen, was 
die Nachfrage des gewöhnlichen Bildermarkts verlangt, und ein ernffes Streben 
nach höherem Schwünge in der Auffaffung, nach immer gröfserer Bewältigung 
der künftlerifchen Mittel offenbaren. Bei den Münchenern aber ift felbft das nicht 
der Fall. Keine Spur ift mehr davon zu fehen, dafs hier der Platz war, wo 
Cornelius, Schnorr, Heinrich Hefs ihre grofsen idealen Compofitionen ge- 
fchaffen, wo Kaulbach diefer Richtung, zwar nicht zum Guten, wie wir meinen, 
aber immerhin bedeiftfam, eine neue Wendung gab, wo bis vor Kurzem Moriz 
v. Schwind gelebt und gefchaffen. Das Haupt der entgegenftehenden realifti- 
fchen Schule, Piloty, feiert mit feinem neuen grofsen Bilde vor der Menge 
einen Triumph, fteht aber in Wahrheit mit demfelben am Anfang des Endes, 
und wie lebhafter auch auf Künftler verfchiedenfter Richtung als Lehrer gewirkt, 
fo hat er doch nur unter den Ungarn Nachfolger auf feiner eigentlichen Bahn 
gefunden. 
Von mythologifchen Bildern ift Beyfchlag’s anmuthige, aber fehr gefall- 
füchtige und moderne Pfyche zu nennen. —■ Adamo’s «Sturz Robespierre’s» 
giebt uns eine höchft lebendige, frappante Schilderung des hiftorifchen Moments, 
bei kleinem Mafsftabe gut angeordnet und auch in den einzelnen Gehalten hin 
reichend charakteriftifch. Ein gröfseres Gefchichtsbild war dann nur noch ifi 
Wilhelm Lindenfchmit’s »Tod Wilhelm’s von Oranien « vorhanden. Aber 
das Ganze nimmt fich eigentlich aus, als fei es für eine flüchtig fkizzirte Illuftra 
tion erfunden. Wir vermiffen alles, was einer Compofition in diefem Mafsftabe 
den feilen Halt und den Mittelpunkt geben müfste. Da ift kein tiefer erfafster 
Charakter, kein geiftig ausreichendes Zur-Anfchauung-bringen des Momentes. Die 
Figuren fcheinen gewiffermafsen alle die Treppe hinunterzufallen, welche die 
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