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Full text : Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873

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PLASTIK  UND  MALEREI.

blos  durch  die  individuelle  Charakteriftik,  fondern  auch  durch  Farbe  und  Haltung, ­
  durch  das  Stimmungsleben  der  winterlichen  Scenerie  Ausdruck  verleiht.
Das  kleine  Gemälde  „Die  Gefchwifter“,  halb  Bildnifsgruppe,  halb  Genrebild,  ift
ein  Juwel  an  Eleganz  und  Zartheit.  Höchft  anziehend  ift  das  Portrait  eines
flehenden  kleinen  Mädchens;  nicht  minder  der  kleine  „Freibeuter“,  ein  Bube,
der  fich  der  geftohlenen  Rüben  freut,  herzig  in  feinen  Lumpen.  Dazu  kommt
das  neuerte  gröfsere  Werk  von  Knaus,  eine  Bauernberathung  im  Schwarzwalde.
In  rein  malerifcher  Beziehung  möchte  ich  es  dem  Begräbnifs  nicht  gleichrtellen,
der  durchgehende  Terra-di-Siena-Ton  mit  feinem  röthlich-bräunlichen  Schimmer
giebt  der  Haltung  etwas  Conventionelles;  dafür  ift  aber  die  Charakteriftik  von
urfprünglichfter  Kraft  und  Lebendigkeit,  die  Zeichnung  fammtlicher  Figuren  bei
ziemlich  grofsem  Mafsftabe  feft  und  meifterhaft,  die  Durcharbeitung  jedes  einzelnen ­
  unter  diefen  originellen,  fcharf  ausgeprägten,  kräftig  aus  der  Mitte  des
Lebens  gegriffenen  Charakteren  zeigt  Knaus  auf.  feiner  vollen  Höhe.  Die
fchwarzwälder  Bauern  in  ihrer  derben  Tüchtigkeit,  ihrem  zähen  Fefthalten  am
Alten  und  Hergebrachten,  ihrer  Gewichtigkeit  in  Berathung  der  kleinften  Angelegenheiten ­
  ,  find  nie  wahrer  gefchildert  worden.  Wie  paffen  dabei  die  Menfchen
  in  ihre  Umgebung,  in  das  ländliche  Zimmer  mit  den  fchlechten  Heiligenbildern, ­
  dem  grünen  Kachelofen,  der  Hühnerfamilie  im  Vordergründe,  hinein!
Die  Aufteilung  wies  kein  Gefckichtsbild  auf,  das  eine  fo  tief  gehende  und
wuchtige  Charakteriftik  des  Einzelnen,  ein  fo  lebendiges,  draftifches  Ineinandergreifen ­
  aller  Charaktere  zeigte.
Neben  Knaus  mufs  man  ftets  B.  Vautier  nennen;  durch  fie  beide  nimmt
Düffeldorf  in  der  Volksmalerei  den  erften  Platz  ein.  Nur  feine  ländliche  Tanzftunde,
  der  Berliner  Nationalgalerie  gehörig,  hing  in  der  deutfchen  Abtheilung,
die  übrigen  Bilder  fanden  wir  in  dem  Saale  der  Schweiz,  aber  ihre  Stoffe  find
ebenfalls  aus  dem  deutfchen  Volksleben,  aus  dem  Schwarzwalde,  geholt  und
Vautier’s  ganze  Richtung  ift  durch  feinen  engen  Anfchlufs  an  das  deutfche
Kunftleben  bedingt.  Da  fehen  wir  einen  Landmann  beim  Advokaten,  ferner
ein  ftilles,  ergreifendes  Bild:  ein  Bauer  mit  feinem  Töchterchen  am  Krankenbette ­
  der  Frau,  endlich  das  grofse  figurenreiche  Begräbnifs,  das  er  im  Herbft
1871,  gleichzeitig  mit  dem  Bilde  deffelben  Gegenftandes  von  Knaus,  vollendet
hat.  Ein  folcher  Colorift,  wie  diefer,  ift  Vautier  nicht,  das  ift  bekannt,  und  wir
dürfen  nicht  erwarten,  dafs,  wie  bei  Knaus,  aus  der  Farbe  felbft  die  Seele  des
Vorgangs  rede;  dennoch  ift  das  Bild  durchaus  harmonifch  in  der  Durchführung
und  bei  der  reichen  Gruppirung,  bei  der  Fülle  der  Gehalten  entfaltet  fich  hier
eine  folche  Tiefe  und  Feinheit  des  Gemüthslebens,  folche  Verwerthung  aller
jener  Momente  des  Ausdrucks,  welche  die  Situation  mit  fich  bringt,  eine  bis  auf
den  Grund  gehende  Vertrautheit  mit  jenem  Volksftamm  ,  dafs  man  wohl  fagen
darf,  fo  vollftändig  und  fo  ineinandergreifend  hat  der  Künftler  uns  alle  diefe
Eigenfchaften  kaum  jemals  offenbart.  An  Innigkeit  geht  Vautier  noch  über
Knaus,  und  bewundernswerth  ift  vor  Allem  die  Befcheidenheit,  mit  welcher  er
feine  Kenntnifs  vom  Empfindungsleben  des  Volkes  zum  Ausdruck  bringt.  Nicht
nur  den  Gegenftand  des  Begräbniffes  haben  Knaus  und  Vautier  hier  gemein,
auch  den  Volksftamm,  der  die  Perfönlichkeiten  liefert,  und  fogar  ein  paar  her-
            
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