MAK

Full text: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873

IV. DEUTSCHLAND, OESTERREICH UND UNGARN. 
359 
In der öfterreichifchen Abtheilung der Weltausflellung vermifste man 
noch mehr als in der deutfchen die Gefchlolfenheit der Entwickelung und der 
kunftlerifchen Ausbildung. Die Verfchiedenheit der Nationalitäten, welche diefen 
Staat bilden, hat an fich fchon die böige, dafs die Einzelnen fich bald von diefer, 
bald von jener Richtung und Schule angezogen fühlen. Immerhin überwiegt das 
deutfche Element, und unfer modernes deutfches Kunftleben wäre lückenhaft, 
wenn wir nicht das, was Oefterreich hervorgebracht hat, mit hinzurechnen 
könnten. Nur in der öfterreichifchen Abtheilung fanden wir heute noch eine Er 
innerung an jenen grofsen Umfchwung in der deutfchen Kunft, welchen Corne 
lius und Overbeck am Anfang diefes Jahrhunderts durchfetzten, in den Werken 
von Jofeph Führich, der einft als einer der bedeutendften und felbftändigften 
Nachfolger auf Overbeck’s Bahnen weiterging. Nicht fowohl zwei kleinere Ge 
mälde, die in der barbe gar zu fehr den heutigen Anfprüchen gegenüber Zu 
rückbleiben, als zwei grofse Kartons: das jüngfte Gericht und der Sturz der Ver 
dammten, zeigten fein mächtiges Compofitionstalent, und am anziehendften tritt 
er uns als llluftrator entgegen, ebenfo fein Stilgefühl wie feine finnige Erfindung, 
feine milde Gefühlswärme offenbarend, in den Zeichnungen zur Nachfolge Chrifti 
und zur Parabel vom verlorenen Sohn. 
Eine ebenfalls fchon abgefchloffene Epoche vertraten die Friescompofitionen 
für die Univerfität in Athen von dem verdorbenen Carl Rahl, der unter den 
Meiftern des idealen Stils es wie kein Anderer verftand, auch die Farbe zu mo 
numentalen Zwecken auszubilden und Hand in Hand mit der Architektur zu 
fchaften. Dafs diefe Eigenfchaften, dafs überhaupt fein Geift und fein Stil noch 
immer in feiner Schule lebendig find, wurde auf der Ausheilung durch die Farben- 
fkizzen von Griepenkerl für den Sitzungsfaal der Akademie derWiffenfchaften 
in Athen bewiefen. 
Einer der geiftvollften und bedeutendften unter Wiens modernen Malern ift 
Heinrich von Angel i. Von neuem fah man hier diejenigen Bilder von 
feiner Hand, die feinen Ruhm begründet haben, das dramatifch-bewegte, meifter- 
lich durchgebildete Genrebild »Der Rächer feiner Ehre« und das vornehme 
Portrait einer fchwarzgekleideten Dame; noch ein kleineres italienifches Genre 
bild: ein Geiftlicher, welcher einem Weibe aus dem Volke die Abfolution ver 
weigert, und mehrere Bildniffe kommen hinzu. Feuriger Schwung, hinreifsende 
Genialität find eigentlich nicht Angeli’s Eigenfchaften, wohl aber eine nach jeder 
Seite hin ausgebildete Meifterfchaft in Farbe, Form und malerifcher Auffaffung. 
Dem gröfseren wie dem kleineren Mafsftabe bequenit er fich ftilvoll an; dort 
gelingt ihm eine gediegene Nobleffe, hier eine reizvolle Eleganz; die feine 
Durchbildung jedes Details, die meifterhafte Stoffmalerei treffen mit aufser- 
ordentlicher Sicherheit der Exiftenz aller Figuren im Raume zufammen. Da 
neben behauptet fich aber der dramatifche Gehalt der dargeftellten Scenen, der 
Ausdruck der Empfindungen und Leidenfchaften in ungefchmälerter Kraft, mag 
auch immerhin die kühle Befonnenheit, mit welcher Angeli die malerifchen 
Mittel handhabt, etwas von ihrem Wefen auf die geiftige Auffaffung übertragen. 
Unter Angeli’s Bildniflen erblickten wir auch das Portrait des Kaifers Franz 
Jofeph in ganzer, lebensgrofser Figur, welches durch feine ftilvolle Schlichtheit
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.