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Full text: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873

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PLASTIK UND MALEREI. 
wie in der „Beichte“, einem Blatte mit nur zwei kleinen Figuren, der Dame in 
Schwarz, die, tief erregt, bekennt, und dem Priefter, der ernft, voll geifliger 
Würde mit dem Blick ihr Innerftes durchdringt. Auch in zwei Kinderporträten 
ift Paffini ebenfo einfach wie liebenswürdig, und hier, wie ftets, bei vollendeter 
Meifterfchaft und Grazie des Vortrags ohne die leifefte Gefallfucht. 
Die öfterreichifchen Maler, von denen wir bisher gefprochen, find meift 
deutfcher Abftammung oder haben wenigftens alle deutfche Bildung genoffen. 
Dagegen war auf der Ausheilung eine ungewöhnliche Erfcheinung vorhanden, in 
der fich, in Gefinnung und in künftlerifcher Erziehung, eine andere Nationalität 
mit voller Entfchiedenheit ausfpricht: der Pole Jan Matejko aus Krakau. 
Er erfchien in diefen Räumen als fremdartige Natur, trat aber dabei wuchtig 
genug auf, mit fechs Bildniffen und vier grofsen Gefchichtsbildern. Diefe be- 
herrfchten den Saal, in welchem fie hingen, vollftändig, indem die deutfch-öfter- 
reichifchen Maler ihnen nichts an die Seite zu fetzen hatten, was an Umfang 
und mächtiger Charakteriftik auch nur entfernt heranreichte. Für meine Em 
pfindung wirkten die Bildniffe am beften, ganz befonders das Porträt eines fchwarz 
gekleideten Gelehrten von ausgefprochen flavifchem Nationaltypus, geiftvoll, 
höchft individuell und von gefchloffener malerifcher Haltung. Noch mehr zog 
das Porträt einer fchwarz gekleideten Dame mit weifsem Spitzenkragen und 
blonden Locken, effectvoll fich von einem ziemlich hellen Teppich-Hintergrund 
abhebend, die Augen auf fich. Das magere, etwas verlebte Geficht, das Arifto- 
kratifche der Tournure wirken feffelnd und pikant, nur die gar zu männlichen 
Hände fallen auf. Ein anderes Damenbildnifs ftöfst durch den unangenehm 
violetten Fleifchton ab. Eine Gruppe von drei Kindern macht den Eindruck 
des aufserordentlich Naturwahren und Charakteriftifchen; aber wie ift es möglich, 
Kinder fo anmuthlos aufzufaffen! Dafs bei dem Künftler neben vielen ganz emi 
nenten Eigenfchaften doch die Grazien ausgeblieben find, ift das Refultat, das 
feine hiftorifchen Gemälde beftätigen. Das unerfreulichfte derfelben ift Kopernicus 
— natürlich in feiner Eigenfchaft als Pole! — der in ziemlich leerer, theatralifcher 
Begeifterung auf feiner Sternwarte einen Monolog hält, das bedeutendfte eine 
Predigt des Jefuiten Skarga, welcher auf feine vornehmen Zuhörer einen er- 
fchütternden, in jedem Charakter fich mächtig ausprägenden Eindruck hervor 
bringt. Aber auch dies Bild hat eine ftörende Eigenfchaft, über die man fich 
nicht hinwegfetzen kann, den ungefunden violetten Ton, den auch Matejko’s 
berühmtes Bild im Belvedere, dem keines der im Prater ausgeftellten gleichkommt, 
die polnifche Reichstagsfcene, befitzt. 
In den beiden neuen grofsen Bildern hat fich Matejko darüber hinausgear 
beitet, aber auch hier ift die malerifche Haltung keine glückliche. Eine über- 
rafchende Bravour tritt in jedem einzelnen Zuge hervor. Sie rundet die Figuren 
meifterhaft ab und läfst fie plaftifch heraustreten, fie beherrfcht die Farbe zum 
Zwecke naturaliftifcher Wirkung, fie glänzt in der Stoffmalerei. Aber das Ganze 
erfcheint fleckig und unharmonifch, ohne jede Ahnung von der abgewogenen 
Licht- und Schattenwirkung, die allein das Bild zum Bilde machen kann, ohne 
wahre Exiftenz der Figuren im Raume, ohne eigentliches Stilgefühl. In dem 
Allen offenbart fich gerade bei fo mächtiger künftlerifcher Kraft ein Zug des
	        
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