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DIE VERVIELFÄLTIGENDEN KÜNSTE.
heute noch lebenden Stecher, als: Henriquel-Dupont, Jules und Alphonfe Frangois,
Achille Martinet u. A. m., blos durch ihre Abwefenheit glanzen. In Anbetracht
des unbeftrittenen Ruhmestitels, welchen die neufranzöfifche Stecherfchule
feit den Tagen Wille’s und Bervic’s geniefst, in gerechter Würdigung ihrer
ebenbürtigen Weiterentwicklung durch einen fo rüftigen Veteranen wie Henriquel,
ift uns die Entfagung, welche die franzöfifche Commiffion hier geübt hat,
völlig unverftändlich. Sie läfst sich eben nur aus den bereits oben erwähnten,
ganz allgemeinen Gründen erklären.
Die franzöfifche Maler-Radirung ift es daher vor Allem, was unferer Bewunderung
fich darbietet. Die kleinen Blätter eines Leopold Flameng, eines
Claude-Ferdinand Gaillard, eines Jules Jacquemart find wahre Glanzpunkte
der ganzen Kunft-Abtheilung überhaupt. Wenn fie auch in der Ihat nur Punkte
find im Vergleich zu den klaftergrofsen Götzen der fogenannten Salle carree,
fo ift doch wahrlich in dem kleinften von ihnen mehr echte Kunft befchloffen
als in fo manchem Ungeheuer von geölter Leinwand. Freilich hätte es keiner
Weltausftellung bedurft, um die Gebildeten aller Nationen mit den Spitzen der
franzöfifchen Radirer bekannt zu machen. Ihre Arbeiten, meift ziemlich kleinen
Formates, find fchon durch ihre Publication bei gedruckten Werken, zumeift in
der „Gazette des Beaux-Arts“ allgemein verbreitet. Ueber ihren hohen Kunftwerth
konnte man fich daher längft allerwärts ein Urtheil bilden, welches durch
keine noch fo bunt zufammengewürfelte Auswahl ihrer Blätter eine Abänderung
erfährt. Diefes Urtheil geht dahin, dafs die moderne franzöfifche Radirung in
ihren erften Vertretern die legitimfte Nachfolgerin der holländifchen im fiebzehnten
Jahrhunderte ift. An den Muftern jener claffifchen Kunft hat fie fich auch
vor allen gebildet. Aeufserlich zwar fcheinen ihre Meifter aus der Descendenz
der alten Parifer Stecherfchule hervorzugehen, fie wiffen auch den Grabftichel
trefflich zu handhaben, ja fie beuten feine feinften Mittel bis zum Raffinement
aus. Flameng zum Beifpiel nennt fich einen Schüler von Calamatta, feine Wiedergabe
von Ingres’ „Quelle“ und „Angelica“, fein Bildnifs der Kaiferin Jofefine
nach Prud’hon gehören zu dem Zarteften und Stilvollften, was der moderne
Grabftichel geleiftet hat; die Modellirung des Fleifches mittelft freier Stichelpunkte
ift glücklich getroffen und hebt fich leuchtend aus der linearen Umgebung
hervor. Doch treten fchon diefe Ausnahmen aus der Linie heraus, welche die
ftrenge Zucht der alten Grabftichel-Technik vorfchreibt. Vergleicht man vollends
die daneben flehenden fpätern Arbeiten des Meifters, wie das Selbftbildnifs von
Quentin Latour, die Saskia Rembrandt’s und Andere, fo fleht man in dem grellen
Gegenfatz diefer breiten und freien Behandlung deutlich, wie aller Zufammenhang
mit den Traditionen der franzöfifchen Stecherfchule abgebrochen ift. Aus
dem Schüler Calamatta’s ift ein eifriger Nachfolger Rembrandt’s geworden, der
es fogar verfucht, das „Hundertgulden-Blatt“ des grofsen Niederländers auf eigene
Fault zu wiederholen. Der Strom von Farbe, der mit Delacroix und Genoffen
über die franzöfifche Malerei hereingebrochen, hat eben auch die vervielfältigende
Kunft mit fich fortgeriffen. Ihre tüchtigflen jüngern Kräfte folgen nothwendig
dem Zuge zum unbedingt Malerifchen, der unfern Gefchmack immer mehr beherrfcht.
Siö find felbft vor Allem Maler, wenn auch nur in Schwarz und Weifs.