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Full text : Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873

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DIE  VERVIELFÄLTIGENDEN  KÜNSTE.

fterblich  gemacht  hat.  Aber  Rafael  und  Correggio,  welcher  Abfland!  Alles  was
hier  Tugend  ift,  wird  dort  Sünde.  Das  Schwellen  des  Fleifches,  das  Vibriren
des  Contours,  der  zitternde  Farbennebel,  der  über  der  ganzen  Bildfläche  lagert,
alles  das  hat  mit  Rafael’s  Art  nichts  gemein.  Für  Correggio  hat  es  Henriquel
unvergleichlich  wiedergegeben.  Sein  Triumph  —  ich  kann  mich  des  Gedankens
nicht  erwehren  —  hat  Keller  nicht  fchlafcn  laffen,  der  doch  aus  Erfahrung  wiffen
mufste,  dafs  Rafael  nur  in  ganz  beftimmten,  klaren  Umriffen,  nur  mittelft  einfacher,'gediegener ­
  Stichelzüge  feftzuhalten  ift.  Aus  der  allgemeinen  Begründung
von  Keller’s  Irrthum  fcheint  mir  aber  auch  eine  allgemeine  Folgerung  hervorzugehen, ­
  die  nämlich,  dafs  auch  uns  das  Verfländnifs  einer  rein  ftiliftifchen  Vollendung ­
  der  Zeichnung  immer  mehr  abhanden  kommt.
Beffer  flieht  es  um  das  foeben  vollendete  Spofalizio  von  R.  Stang.  Zunächft
  ift  Longhi  keine  fo  gefährliche  Folie  wie  Müller;  doch  ift  auch  jener  beiweitem ­
  nicht  verdunkelt  worden.  Auch  hier  läfst  die  Beftimmtheit  der  Zeichnung ­
  Manches  zu  wünfchen  übrig,  z.  B.  das  ausgefchliffene,  unfichere  Profil  jener
Frau  zur  Linken,  die  fleh  auch  im  Original  durch  die  abfcheuliche  Drapirung
ihres  Gewandes  auszeichnet.  Wenn  fchon  nicht  beim  fpäteren,  fo  können  wir
noch  weniger  beim  jugendlichen  Rafael  ftiliftifche  Genauigkeit  entbehren.  Dafür
würden  wir  den  Farben-Contraft  gerne  in  den  Kauf  geben,  durch  welchen  die
vordere  Hauptgruppe  von  dem  duftigen  Hintergründe  nicht  abfticht  —  nein,  abfällt ­
  —  ein  Fehler  freilich,  der  bereits  dem  Originale  anhaftet,  vermuthlich  feit
der  Zeit,  da  es  von  der  dunklen  Uebermalung  des  Grundes  befreit  wurde.  Dem
nun  wieder  lichten  Hintergründe  aber  und  auch  den  kleinen  Figuren  in  der  Ferne
hätte  es  hier  an  der  entfprechenden  Durchzeichnung  nicht  fehlen  füllen.  Diefen
Schwächen,  welche  indefs.  cbenfowohl  als  Conceffionen  an  den  Zeitgefchmack
aufgefafst  werden  können,  fliehen  auch  grofse  Vorzüge  entgegen,  als:  folide  Ausführung, ­
  liebevolles  Eingehen  in  die  Zartheiten  des  Vorbildes,  willige  Hingebung
an  den  Meifter.  Immerhin  bleibt  Stang’s  Arbeit  eine  der  bedeutendften  Leiftungen
  des  modernen  Kupferftiches.
Ganz  anders  freilich  verflicht  fich  Eduard  Mandel  auf  die  Wiedergabe  Rafael’s. ­
  Der  Altmeifter  hat  ja  noch  andere  Zeiten  gefehen,  in  denen  grofse  Formenanfehauung
  und  correcte  Linienführung  im  Sinne  der  Alten  in  Ehren  Fanden. ­
  Es  waren  drei  Blätter  von  ihm  ausgeflellt.  Zwei  davon  find  in  aller  Welt
bekannt  und  beliebt,  fo  dafs  es  übcrfiüffig  wäre,  ein  Wort  zu  ihrem  Preife  auszufprechen;
  es  find  die  Madonna  della  Sedia  nach  Rafael  und  die  Bella  di  Tiziano,
  beide  in  Florenz.  Dicfe  Blätter  find  aber  weit  übertroffen  durch  feine
neuefte  Arbeit,  durch  die,  zum  erftenmale  gcftochene,  kleine  Madonna  Panshanger
von  Rafael,  fo  genannt  von  dem  Wohnfitze  des  Lord  W.  Cowper  bei  Hertford,  wo
fich  das  Bild  befindet.  Wenn  man  bei  aller  Meifterfchaft  der  Technik  von  der
Sedia  fagt,  dafs  die  Schatten  für  das  farblofe  Bild  zu  tief  gehalten  feien,  dafs
das  unnachahmliche  Profil  der  Nafe  jeder  Reproduction  fpottet,  und  von  der
Bella  Tizian’s,  dafs  die  etwas  harte  Zeichnung  des  Kopfes  nicht  auf  der  Höhe
des  ftupend  getroffenen  Beiwerkes  fleht,  fo  fchweigt  gegenüber  der  jüngften  Publication
  des  greifen  Meifters  alle  und  jede  Kritik.  Wie  fein  und  finnig  find  die
Strichlagen  gewählt,  wie  dclicat  find  fie  ausgeführt!  Die  Zierlichkeit  des  Con-
            
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