III. OESTERREICH UND DIE ÜBRIGEN STAATEN.
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tretung finden, defs waltet der emfige Grabftichel von Karl B. Po ft in feinen
grofsen Blättern nach Friedrich Voltz, Paufmger und Andreas Achenbach.
Die Radirung wird nur durch Einen namhaften Meifter vertreten; diefer
Eine aber wiegt für Viele, fowohl durch die Qualität feiner Lciftungen, wie durch
die Productivität, deren er fähig ift. William Unger aus Göttingen bildet eine,
ganze Schule fift fich. Er hat bei Niemandem geiernt, als etwa bei den alten
Meiftern, die er nachbildete, und fchwerlich wird auch Jemand bei ihm lernen,
wenigftens nicht Dasjenige, was ihn vor Allen auszeichnet; denn das ift einer
Uebertragung nicht fähig, es ilt der Ausflufs einer ganz fpeciellen perfönlichen
Begabung. Wie kein Anderer, verfteht es Unger, jenes unfagbare Etwas, wel
ches wir Farbe nennen, aus dem Faffe: Gemälde, in die Bouteille: Radirung, ab
zuzapfen, ohne dafs der Geift, die Blume des edlen Inhaltes verloren geht. Das
fchwankende Spiel der Lichter, er weifs es mit der Spitze feiner Nadel feftzu-
halten; in dem Streite von Hell und Dunkel zieht er mit Sicherheit die Diagonale
ihrer beiderfeitigen Wirkung; nie ift er verlegen um die Stelle, welche mit Nach
druck dem Aetzwaffer auszuliefern ift. Bedenkt man, dafs Unger unmittelbar
vor den Gemälden zu arbeiten pflegt und das Original gleich im Gegenfinne auf
die Platte reducirt, fo kann dies unfere Bewunderung für die Treffficherheit des
Meifters nur fteigern. Es gehört ein ganz ungewöhnliches Gefchick dazu, eine
Reihe farbiger Effecte in fo compendiöfer Kürze wiederzugeben, ohne dabei fei
nem Vorbilde untreu zu werden. Doch liegt es in der Natur diefer genialen
Begabung, dafs fie mit ganzem Erfolge nur auf jene Werke anwendbar ift, die
überhaupt einen folchen Auszug unbefchadet ihrer Wirkung vertragen, ja theil-
weife durch diefe Vereinfachung dem weniger geübten Auge fogar verftändlicher
und fomit wohlgefälliger werden. Das kunftgefchichtliche Gebiet, in welchem
das Scepter — foll heifsen die Radirnadel William Unger’s unumfchränkt waltet,
ergibt fleh daraus von felbft. Vom Clairobscur Correggio’s zieht es fleh fort zu
den Schlagfchatten der „tenebrofen“ Italiener, von diefen erftreckt es fleh hin
über zu den Spaniern, um fleh dann unter den farbengewaltigen Holländern des
fiebzehnten Jahrhunderts in’s Endlofe auszubreiten. Was Unger auf diefem ihm
unterworfenen Gebiete der Coloriften zu leiften vermag, hat er uns durch zahl
reiche Proben bewiefen. Gerade für die Spitzen der malerifchen Entwicklung,
die zuweilen eine ziemlich fchwer verftändliche Sprache fprechen, gerade für
Frans Hals, für Rembrandt und die Seinen ift Unger der befte Dolmetfch. We
niger fchon eignen fleh die Gemälde eines Rubens für die gleichen Reproductions-
mittel. Bei aller Farbenpracht und üppigen Lebendigkeit feiner Darftellung hält
Rubens überall an einer beftimmten zeichnenden Umfehreibung der Einzelheiten
feft. Mächtig dehnen und blähen fich feine Formen, aber bei aller Spannung
und Fülle durchbrechen fie ihre Umriffe nicht zu Gunften einer allgemeinen Licht- -
vertheilung und Farbenftimmung. Eine Reproduction erfordert daher bei gröfsern
Dimenfionen jene klare, confequente Linienführung, wie fie Rubens felbft in der
von ihm geleiteten Stecherfchule eingeführt hat. Die fchlichte und doch fo
glanzvolle Stichweife der Boiswert, Vorftermann, Pontius, de Jode wird für Ru
bens immer claffifch bleiben. Am eheften hat noch der Altar des heiligen Ilde
fons im Belvedere etwas von jener allgemeinen, in Duft zerfliefsenden Farben-