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Full text : Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873

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ZEICHEN-  UND  KUNSTUNTEREICHT.

Der  fachliche  Unterricht  im  Zeichnen  richtet  fleh  nach  den  örtlichen  Bedürfniffen
und  an  den  meiften  Anftalten  wird  auch  im  Linear-Zeichnen  ganz  Vorzügliches ­
  geleidet.  Es  ift  unmöglich,  die  Leiftungen  der  einzelnen  Schulen  hier
zu  befprechen;  als  befonders  bemerkenswerth  feien  jedoch  angeführt  die  Anftalten
von  Aalen,  Biberach,  Ehingen,  Ellwangen,  Efslingen,  Geislingen,  Gmünd,  Giengen,
Hall,  Heilbronn,  Ludwigsburg,  Ravensburg,  Rottweil,  Rottenburg,  Schwenningen
und  Sulzau.
Stuttgart,  als  die  Centralftelle  des  kunftgewerblichen  Unterrichtes,  nahm  mit
feinen  höheren  Schulen  felbftverftändlich  auch  in  Betreff  der  Leiftungen  den  bcdeutendften
  Raum  ein,  und  zwar  ift  hier  die  königliche  Kunftgewerbcfchule  zunächft
  zu  erwähnen.  Es  war  von  der  Commiffton  bei  der  Ausftellung  darauf
Rückficht  genommen,  alle  Zweige  des  Zeichnens  und  Modellirens,  welche  an  der
Anftalt  gepflegt  werden,  zur  Anficht  zu  bringen.  Im  Stile  dominirte  die  Rcnaiffance;
  doch  fanden  fich  unter  den  Zeichnungen  auch  fchöne  Studien  nach  claffifchen
  Denkmälern,  pompejanifchen  Wanddecorationen  etc.  Von  den  ausgeftellten
plaftifchen  Gegenftänden  verdienen  befonders  ftilvolle  Metallarbeiten  hervorgehoben
zu  werden;  auch  die  Holzfchnitzereien  zeugten  von  bedeutender  tcchnifcher  Gewandheit
  der  Verfertiger.
Die  königliche  Baugewerbfchule  hatte  Aufnahmen  von  Bauwerken  verfchiedener
  Stile,  decorative  Architekturwerke  und  felbftändigc  Entwürfe  von
Schülern  in  dem  Gebiete  der  Architektur  und  des  Mafchinenbaues  zur  Anfchauung
  gebracht.  —  Aus  der  Kunftfchule  in  Stuttgart  waren  diverfe  Naturftudien  und
auch  felbftftändige  Compofitionen  von  den  Schülern  vorgelegt.  Von  letzteren
fiel  uns  befonders  eine  reizend  gedachte  Sommerlandfchaft  mit  reicher  Staffage
und  eine  im  Geifte  Schwind’s  gehaltene  Zeichnung  zu  dem  Märchen  „Siebenschön“
auf.  —  Der  Zeichenunterricht  in  den  Volksfchulen  ift  befonders  feit  1870  im
rafchcn  Auffchwunge  begriffen  und  die  ausgeftelltcn  Arbeiten  zeigten  bei  einem
einheitlichen  Syftem  die  beften  Erfolge.
Das  Grofsberzogthum  Baden  hatte  fich,  wie  in  Paris  1867,  fo  auch  auf  der
Wiener  Weltausftellung  im  Unterrichtswefen  wenig  betheiligt.  Den  gewerblichen
Fortbildungsfchulen  wird  in  diefem  Lande  die  forgfamftc  Pflege  gewidmet;  es
beläuft  fich  deren  Zahl  gegenwärtig  auf  43;  in  denfelben  wird  jedoch  weniger
rein  fachliche  als  vielmehr  allgemeine  Bildung  angeftrebt.  Es  lagen  nur  Schülerarbeiten ­
  von  der  gewerblichen  Unterrichtsanftalt  in  Carlsruhe  vor,  die  befonders
in  den  decorativen  Entwürfen  als  lobenswerth  zu  bezeichnen  find.
Auch  Preufsen  hatte  im  Gebiete  des  Zeichen-  und  Kunftunterrichtes  die
Ausftellung  äufserft  mangelhaft  befchickt.  Die  Haupturfache  des  Fernebleibens
der  Schulen  mit  hiehergehörigen  Leiftungen  mag  wohl  gewefen  fein,  dafs  im
Grofsen  und  Ganzen  überhaupt  Norddeutfchland  weder  mit  den  Südftaatcn  noch
mit  dem  Auslande  fich  in  eine  Concurrenz  einlaffen  kann.  Die  Beftrebungen
des  „Vereines  zur  Förderung  des  Zeichenunterrichtes“  verdienen  die  vollfte  Anerkennung ­
  ;  doch  dürften  die  Erfolge  der  thätigen  Mitglieder  deffelben  noch  kaum
weiter  als  in  Berlin  zu  fuchen  fein.  In  den  Realfchulen  und  Gymnafien  fpielt
der  Zeichenunterricht  eine  ganz  untergeordnete  Rolle;  dadurch  ift  von  vorneweg ­
  dem  Gegenftande  jede  Lebensfähigkeit  genommen.
            
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