DIE EXPOSITION DES AMATEURS.
515
Abtheilung befanden fich zwei Objecte, die unbedingt zu dem Anziehcndften in
der gefammten Expofition des Amateurs zu rechnen waren: Es find dies zwei
etwa fechs Schuh lange Schränke, oder richtiger Truhen, mit öffenbarem Deckel,
aus der Domkirche zu Graz flammend, wo fie — ihrer urfprünglichen Beflimmung
wohl fehr wenig entfprechend — lange Zeit als Reliquienfehreine dienten. Diefe
Möbel, oberitalienifche Arbeiten aus dem 15. Jahrhundert, zeigen an den vordem
Langfeiten figurenreiche Reliefs (f. die Abbildungen) mit den Darftellungen der
fechs „Triumphe“ nach der Dichtung des Petrarca. Der Stil diefer Reliefs trägt
die deutlich ausgefprochenen Merkmale der Mantegnesken Kunftrichtung etwa
aus den 80er Jahren des 15. Jahrhunderts, und wir dürfen uns den unbekannten
Verfertiger in naher Beziehung zur Paduaner Schule denken. Ornamentirte Pi-
lafter theilen die vorderen Langfeiten der Truhen in je drei grofse Felder ein,
in denen fich die von einer einfachen Palmettenumrahmung eingefafsten Compo-
fitionen befinden. Die Anordnung folgt genau der Dichtung des Petrarca. Dem-
gemäfs ift auf der erften Truhe der Triumph der finnlichen Leidenfchaft über die
Seele des Menfchcn dargeftellt unter dem Bilde des Cupido; fein Wagen wird
von feurigen Roffen gezogen und Menfchen aller Claffen und Stände begleiten
ihn. Auf dem zweiten Felde triumphirt die Keufchheit (oder die Vernunft) über
die Liebe, auf dem dritten der Tod über die Vernunft. Die Reihenfolge fetzt
fich auf dem andern Schreine fort: da folgt der Triumph des Ruhmes überden
Tod, der Triumph der Zeit über den Ruhm, und endlich als Letztes der
Triumph der Ewigkeit, dargeftellt unter dem Bilde Chrifti über Zeit und alle
Dinge.
Die weit ausgefponnene Allegorie des Gedichtes war für die Kunft der Re-
naiffance ein fruchtbarer Vorwurf der bildlichen Darftellung, dem wir in der
Malerei und Sculptur, in Kupferftich und Holzfchnitt in endlofen Variationen be
gegnen, und auch in unfern Reliefs hat der Künftler die Compofition ziemlich
originell und in feiner Art gefafst. Bemerkenswerth ift der vortreffliche Relief-
ftil in der Anordnung der Züge, der ja fo recht die Sache des Mantegna und
der Künftler war, die von ihm ihre Anregung empfingen. Die Durchführung
namentlich der Köpfe hat etwas von der Sorgfalt und Detailarbeit eines Cameo.
Es fcheint, dafs diefe beiden Stücke für einen deutfehen Befleller in Italien ge
arbeitet wurden. Die Schmalfeiten tragen verfchiedenartige Embleme, darunter
eine Hirfchkuh mit einem Spruchbande, auf dem die Worte „bider rakt“
(bieder recht); wobei die abfonderliche Schreibweife und ungefchickte Bildung
des K darauf deuten, dafs dem Künftler die Sprache der Infchrift wie auch das
Schreiben diefes Buchftaben nicht geläufig war.
Im Anfchluffe hieran wollen wir noch eines merkwürdigen mittelalterlichen
Möbels Erwähnung thun, das aus dem Frauenftift auf dem Nonnberge bei Salzburg
in der öfterreich. Abtheilung ausgeftellt war. Es ift diefs das Original eines fogem
Faldiftolium oder Faltistorium, eines Faltftuhles, wie er zuweilen auf Münzen und
Siegeln als Abzeichen der bifchöflichen Würde bei den Bildern der Betreffenden
vorkommt. (S. die Abbildung). Es ift ein feldfeffelartiger Stuhl mit Bronzefüfsen
und Bronzebefchlägen und elfenbeingefchnitzten Löwenköpfen an den Enden der
rothbemalten Stützbalken, und als Möbel des Mittelalters von feltener Erhaltung