Das Kunstgewerbe.
I. Wohnungs-Ausstattung.
Drei Fragen werden lieh uns im Folgenden vor allem aufdrängen, eine internationale,
eine nationale und eine orientalifche Frage.
Die internationale Frage, das ift die Reform der modernen Kunftinduftrie
und des allgemeinen Geschmacks auf dem Wege der Lehre und des Unterrichts
durch Mufeen und Schulen. Von England angeregt, gährt fie jetzt in allen Culturstaaten,
und mag fomit wohl als eine internationale bezeichnet werden. Sie ift
auch eine eminent fociale, infofern als es fich bei ihr um Verfchönerung unserer
Umgebung, um Idealifirung unferes Lebens handelt.
Die nationale Frage in der Kunftinduftrie, eine Frage von noch fehr jungem
Datum, bezieht sich auf das, was fich in verschiedenen Ländern von alter eigenthümlicher
Kunfttradition in häuslicher oder gewerblicher Arbeit erhalten hat.
Diefe Traditionen find von unferer rafchen, nivellirenden Zeit wie alles Coftümliche
von fchnellem Untergange bedroht, und es ift die Aufgabe, diefelben zu
retten oder für die moderne Kunftinduftrie zu verwerthen.
Zum dritten die orientalifche Frage. Die farbige, decorative Kunft des Orients
ift feit den Weltausftellungen aus ihrer ifolirten Ruhe herausgetreten, fie ift eine
Gröfse für Europa geworden, dringt in feine Induftrie gewaltig ein und droht
feinen Gefchmack auf gewiffen Gebieten vollftändig umzuwandeln.
An diefen drei Fragen nimmt die Kunftinduftrie fämmtlicher Länder und der
Culturftaaten insbefondere Theil, und je durch die Stellung, die fie dazu nehmen,
ift auch ihre kunftinduftrielle Physiognomie bedingt. Sie find demnach auch für
unferen Bericht von ganz befonderer Wichtigkeit, da wir es weniger auf die Darlegung
des heutigen Zuftandes in den einzelnen Induftriezweigen, als auf den
eigenthümlichen und charakteriftifchen Antheil der Länder und Staaten an dem
kunftinduftriellen Schaffen der Gegenwart abgefehen haben.