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Full text: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873

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DAS KUNSTGEWERBE. 
Für unfere überfichtliche Schilderung ordnen wir uns den Stoff nach zwei 
Gruppen, indem wir einmal uns die Wohnung betrachten wollen, mit dem, was 
fpeciell zu ihrem Schmuck und zu ihrer Ausftattung gehört, und fodann insge- 
fammt die übrigen mehr frei und unabhängig gefchaffenen Dinge. 
« 
i. Die Wohnung. 
I. Die moderne Wohnung. 
Man follte denken, mit unferer Wohnung fei es gerade 
wie mit der Mode, die ja durchaus international und nicht 
national ift, aber gar keine Frage bildet. Die Mode wird 
von irgendwo dirigirt, und jeder beugt fich ihr, weil es einmal 
fo fein mufs, ohne zu fragen und zu denken. So war es 
auch mit der Wohnung. Die Muff er für Tapeten, Möbelftoffe 
und Tapezierarbeiten kamen von Paris, was von Paris kam, 
war fchön und gefchmackvoll, und es galt nur, das Neuefte 
recht neu und fchnell zu haben. Das war der Standpunkt der 
modernen Induftrie, der modernen Civilifation in den moder 
nen Culturftaaten. Ja, wenn wir recht berichtet find, fo foll 
es irgendwo in deutfchen Landen eine Muftercentralanftalt 
gegeben haben, die ihre eigenen Agenten an den Ufern der 
Seine hielt. Die lagen beftändig auf der Lauer, hörten das 
neue Gras wachfen, ergatterten die jungen Mutier und fende- 
ten fie flugs heim zur Mutteranflalt, von wo fie, mit der Scheere 
getheilt, den Fabriken des Landes zufloffen. Wenn nun mit 
der Saifon von drüben her aus der grofsen Geburtsstätte der 
Moden die neuen Tapeten, die neuen Modeffoffe in die Welt 
hinauskamen, da fanden fie überall fchon ihres Gleichen und 
hatten das Nachfehen mit langen Geflehtem. Es ift gerade 
wie die Gefchichte von dem berühmten Wettlauf auf der 
Buxtehuder Haide, wo der kluge „Swinegel“ und des Swinegels 
Frau auch immer rufen konnten, wenn der Hafe ankam: 
„Ich bin fchon hier“, und fo dem fchnellen Kunffläufer den 
Sieg abgewannen. Natürlich glauben wir die Gefchichte nicht. 
Nun, heute ift es nicht mehr fo: die Zeiten haben fleh 
geändert und werden fleh noch mehr ändern. Nur in den 
unteren Tapeziererregionen und ihrem Publicum, oder in jenen 
Pläufern, wo der erfte, fchnell erworbene Reichthum nach 
Glanzentfaltung drängt, da imponirt noch „das Neue“ und 
„das Neuefte“. Alles, was fleh auf die Ausftellung gewagt 
hat, das lehrt uns erkennen, dafs die Wohnung auch eine 
künftlerifche geworden ift, und dass die Nationen zu ihr Stellung genommen haben 
oder zu nehmen trachten. 
Frankreich, wenn man will, repräfentirt noch die Mode, aber was wie 
Bordüre von Drächsler 
in Wien.
	        
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