Anschauungen eine Neubildung der bestehenden Formen erfordern. Es
wäre noch hinzuzufügen, daß sie, richtig erfaßt, zur Entdeckung des
neuen Grundrisses hinleiten und folglich die wichtigste Umwälzung in
der Baukunst anbahnen.
Und nun folgt das Satyrspiel, die unleidliche Begleiterscheinung aller
fruchtbaren umwälzenden Entdeckungen. Es geht darin Wagner nicht
besser wie den Größten der Menschheit.
Kurz und gut: die Jury ist entschlossen, Wagners Projekt nicht auf-
kommen zu lassen. Noch manch andere gute Arbeit ist eingelaufen, aber
sie findet ebensowenig Gnade vor den Augen der Preisrichter. Die vier
schlechtesten Entwürfe werden auserkoren, darunter jenes einer Partei
größe, die den Bauauftrag erhält.
Eine protzige Architektur entsteht, die sich mit den Lumpen und
Flicken vergangener Kunstgröße drapiert. Nicht ein Hauch des leben
digen, selbstbewußten Genius unserer Zeit, dem doch dieses Museum als
Monument dienen sollte, ist an dem verlogenen Bauwerk zu spüren.
Nicht der Sinn für Kunst oder für die Eigenart unserer Zeit hat in dem
Bauwerk gesiegt, sondern der Sinn für materielle Interessen, die eine
Menschheitssache dem Parteizweck opfert.
In diesem Geist hat die Jury gehandelt, die dem Willen der Gemeinde
als Bauherrin entsprach.
Am Tage nach dem nichtswürdigen Preisrichterspruchhing ein Lorbeer
kranz unter dem so schmählich verkannten Konkurrenzentwurf Otto
Wagners. Eine anonyme Ehrung, mit der die Intelligenz Wiens einen
Protest gegen die Vergewaltigung der Kunst erheben wollte.
Die Gemeinde mochte den Vorwurf und die Gefahr einer allgemeinen
Entrüstung spüren, sie ließ durch ihre Funktionäre den Kranz entfernen.
Erst auf das Begehren des Künstlers, der die Lorbeerspende als sein
Eigentum forderte, kam der Kranz wieder zum Vorschein.
Das ist die traurige Komödie, die dem ernsten Kunstringen in Wien zur
zeit beschieden ist.
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