Eine abscheuliche Debatte ging im Gemeinderat dem Beschluß voran
und schließlich hat der Bürgermeister Weißkirchner in einer nicht mißzuverstehenden
Weise die Wagschale zuungunsten Wagners beeinflußt.
Die eindrucksvollen und sachlichen Reden der Gemeinderäte Professor
Schmid und Maler Golz konnten die gute Sache Wagners nicht mehr
retten, denn die kleine Majorität war mit dem Bürgermeister darin einig,
daß Wagners Projekt fallen müsse. Es geschah unter der Verantwortung
jenes Mannes, von dem man immer wieder hörte, daß er Luegers Erbe erfüllen
wolle.
Wie ist dieser bornierte Widerstand zu erklären ?
Künstlerische Beweggründe liegen nicht vor, denn sonst müßte Wagner
siegen. Es müssen persönliche Motive sein, die im Verein mit jener selbst
für Götter unüberwindlichen Macht den Sieg über alle guten Geister davongetragen
haben, wie das in Wien leider jetzt zur Tagesordnung gehört.
Es obliegt mir, als dem Geschichtsschreiber dieser Haupt- und Staatsaktion,
Licht in diese verworrene Geschichte zu bringen und ohne Ansehung
der Person furchtlos für die Wahrheit zu zeugen.
Zu diesem Zweck muß ich etwas weit ausholen.
Wenn es nach den Wünschen des Museumsdirektors Probst gegangen
wäre, dann hätten die Gegenstände aus der gotischen Zeit einen gotischen
Saal, die Überreste aus der Barockzeit einen Barocksaal, aus der
Biedermeierzeit einen Biedermeiersaal u. s. f. erhalten müssen, so daß
gemäß dieser Einteilung die Saalarchitekturen eine entsprechende künstliche
Abwandlung der alten Stile verkörpern sollten.
Diese kindische Idee, die von sämtlichen ernsten deutschen Museumsdirektoren
belächelt wurde, war ursprünglich auf die Spitze getrieben
worden durch das Verlangen, diese Stilimitationen der Räume auch an
der Außenarchitektur zum Ausdruck zu bringen, so daß man an den verschiedenen
Stilarten der Fassade erkennen solle, wo der römische Saal,
der gotische, der barocke, u. s. f. liege.
Wenn auch dieses törichte, allen Kunstanschauungen hohnsprechende
Ansinnen wieder fallen gelassen wurde, so blieb als fixe Idee dennoch der
stille Wunsch bestehen, wenigstens das Rauminnere stilistisch differen-109