Er erkannte: Die Großstadt ist das Modernste des Modernen
in der Baukunst.
Die Aufgabe, solchen ungeahnten Menschenanhäufungen mit solchen
in unserer Zeitrechnung noch nicht dagewesenen Raum- und Massenbegriffen
die passende architektonische Form zu geben, war früher noch an
keinen Künstler herangetreten.
Wagner ist der erste, und in solcher Konsequenz vielleicht der einzige,
der das neue Problem folgerichtig zu lösen verstand. Der erste und einzige
Weltstadtarchitekt. Das ist die Marke, mit der er in der Ewigkeit gebucht
werden wird.
Alle Baukünstler vor und neben ihm vermochten immer nur die Detailaufgabe
zu sehen, das einzelne Haus, Kirche, Schloß, Rathaus usw. Oder
vielleicht mit dem einzelnen Haus die unmittelbare Nachbarschaft, den
davorliegenden Platz, die Nebenhäuser und das Gegenüber. — Er aber
sah das Ganze, und dieses Ganze war eine vorher nicht dagewesene und
von niemand noch im vollen Umfang ermessene Erscheinung.
Am allerwenigsten verstand die Wiener Stadtverwaltung die werdende
Weltstadt zu ermessen; sie kam immer um eine Idee und um ein
halbes Jahrhundert zu spät, wie übrigens die meisten Stadtverwaltungen
in den letzten 40 Jahren während des Entstehens der modernen Großstädte.
Nur Otto Wagner verstand dieses schier unbemerkt hervorgewachsene
Weltstadtproblem. Jeder Großstadtentwurf von ihm war nicht nur ein unübertreffliches
Architekturprojekt, sondern auch zugleich ein finanzpolitischer
Plan, bei dem die Stadt als Bauherrin sowohl künstlerisch, als auch
finanziell immer nur gewinnen mußte.
Wenn nun die Wiener Stadtverwaltung nicht um eine Idee und ein
halbes Jahrhundert zurück wäre, trotz des Bürgermeisters Lueger advokatorischer
und demagogischer Pfiffigkeit und trotz seiner unleugbaren
verwaltungspolitischen Fähigkeit — dann hätte sie in dem Weltstadtarchitekten
Otto Wagner ihren Mann finden müssen, der an Stelle dieses
pfründnerhaften Flick- und Stückwerkes vom grünen Tisch des Stadtbauamtes
imstande gewesen wäre, dem kaiserlichen Wien unter voll-36