Das Bedeutungsvollste, das die moderne Baukunst hervorbringen
konnte, besteht in nichts Geringerem — als in dem neuen Grundriß.
Alle heute beliebten Stilwertungen und Postulate der landläufigen
Ästhetik, wie: glatte Formen, große Flächen, Materialechtheit, Sachlich
keit, Einfachheit, Zweckmäßigkeit, sind ein Spiel mit leeren Worten, ver
glichen mit der einzig maßgebenden und umstürzenden Tatsache des
neuen Grundrisses.
Die künftige äußere Erscheinung des Bauwerkes steckt nämlich schon
im Grundriß und kann nur von hier aus richtig beurteilt werden.
Die meisten Kunstschreiber haben nicht die Fähigkeit, Grundrisse zu
lesen; sie beurteilen die Baukunst nach ihrer jeweiligen und oft nur zu
fälligen Außenerscheinung, die häufig genug bloße Maske ist. Daraus er
klären sich die ganz allgemein verbreiteten Irrtümer. Ein Bauwerk mutet
klassizistisch, englisch, biedermeierisch oder oberbayrisch an — der
Kunstschreiber fühlt sich angenehm erinnert, er hat damit die Brücke
zur Architektur gefunden und preist die neuzeitliche Schöpfung. Trotz
all dieser Reminiszenzen, die ihn eigentlich vorsichtig machen sollten,
lassen sich die Kautschukbegriffe von der Sachlichkeit, Materialgerechtig
keit, Schlichtheit, Zweckmäßigkeit und dergleichen mehr in hundert
äußerlichen Dingen bequem nach weisen; man hat sich nach diesem Be
griffsschema überzeugt, daß der Bau ein Muster moderner Baukunst ist.
Hätte der Kritiker verstanden, auf den Grundriß zu achten, so würde es
ihm nicht passieren, dieWerke eines hinter diesen Kautschukbegriffen und
Schulrezepten verschanzten Epigonentums als baukünstlerische Offen
barung zu verkünden.
Es wäre Scheffler in seinem Buch über „Die Architektur der Groß
stadt“ nicht passiert, Wagner zu übersehen und den nüchternen Eklek-
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