und die Balkondrapierungen von Cranach und seiner Werkstatt, für die Turniere am
Wittenberger Hof gearbeitet wurden.
Die drei Turniere, in ihrer zeitlichen Reihenfolge gesehen, zeigen jenen höchst interes
santen stilistischen Wandel, den Cranach mit seinem Eintritt an den sächsischen Kur
fürstenhof durchgemacht hat. In dem ersten Bild steht die genaue Schilderung eines
Stadtplatzes im Vordergrund, auf dem ein wenig differenziertes Turnier stattfindet,
umgeben von vielen Zuschauern, die sich mehr oder weniger stark am Hergang
beteiligen. Eine Darstellung mit dem Charakter eines Volksfestes. Das zweite Turnier
zeigt in einem nur mehr angedeuteten Schloßhof ein feierliches Turnier nach streng
höfischem Reglement. Im dritten Turnier wird die Bestimmung des Platzes völlig
vernachlässigt. Die realistische Darstellung einer bewegten Kampfszene steht im
Vordergrund, wobei die Kompositionsweise mit Ucellos berühmter Reiterschlacht
sich verbinden läßt.
Währenddem jedoch dieser Wandel in der Kompositionsweise in den Werken von
Cranachs Malerei immer stärker wirksam wird, immer mehr Renaissanceelemente
ihn bestimmen, bis er sich völlig dem höfischen Manierismus verpflichtet, fällt er in
seinen Graphiken, wenn diese nicht unmittelbar im Zusammenhang mit dem Hofe
stehen, wieder zurück in seine eigene, ursprüngliche Art, die, reich an Bewegung und
Dynamik, das Geschehen immer wieder aus der Natur und dem Volk entwickelt.
Lit.: Bartsch, VII, 125 — Schuchardt 131 — Heller 269 — Dodgson, Cat., II, 54 —
Geisberg, Einblatt-Holzschnitte, 621 — Jahn, S. 29, Tafel 28 — Hollstein, VI, S. 95,
Nr. 118 — Katalog Albrecht Dürer und die Druckgraphik für Kaiser Maximilian I.,
Schriften der Bibi. d. Ö. M., 6, Wien, 1971, Nr. 69 — Ausstellungskatalog Lucas
Cranach, Graphik, Coburg, 1972, Nr. 89.
MARTYRIEN DER APOSTEL
Folge von 12 Holzschnitten, ca. 16,3 : 12,6 cm
Ohne Text um 1512 entstanden, verwendet in: „Das Symbolum der Heiligen Aposteln:
darin der Grund unseres Christlichen Glaubens gelegt ist“
Ausgelegt durch Dr. Martin Luther. Mit schönen lieblichen Figuren. 1548 (erste
Verwendung: Wittenberg, Georg Rhaw, 1539)
Alle Blätter unsigniert, sie tragen nur die kurfürstlichen Wappen
Ritter, S. 54; Inv.-Nr. K. J. 2309 (42/39—41)
Die Fassung dieses auf der Rückseite der Blätter gedruckten Symbolums (Glaubens
bekenntnisses) weicht nur durch die Veränderung der Bezeichnung „katholische“
Kirche in „christliche“ Kirche im IX. Artikel vom Apostolischen Glaubensbekenntnis
ab. Zu den einzelnen Glaubensartikeln sind jeweils Interpretationen hinzugefügt.
Die drastische Veranschaulichung der Martyrien in den Apostelbildern verfolgt vor
allem lehrhaften Zweck, es soll die Standhaftigkeit im Glauben, die die heiligen Männer
erwiesen haben, beispielhaft vor Augen geführt werden.
Der Handlungsraum der einzelnen Szenen, sei es nun der freie Raum oder der Innen
raum, ist einfach gestaltet, die Figuren sind in Raumaufstellung und Anordnung
übersichtlich wiedergegeben. Bei all seiner Einfachheit aber bleibt der Handlungs
raum, sei es eine Landschaft oder das Innere einer Kirche, stets der Tradition von
Cranachs Donauschulzeit verpflichtet. So werden in Details Motive, die Cranach
damals zu formulieren lernte, wie Burgruinen, krause Bäume mit eigentümlich
hängenden Ästen oder spätgotische Architekturen, verwendet. Obwohl die Marterung
jeweils im Beisein einer großen Menschenmenge stattfindet, ist sie als Hauptmotiv
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