Täufers und über ihm die Taube des Geistes, daneben Gottvater in Wolken über
dem Gekreuzigten, zu dessen Füßen Reformatoren, die die Taufe eines Kindes vor
nehmen; darunter der in Ketten gelegte Höllendrache (zur Taufe vgl. den Witten
berger Reformationsaltar von Cranach d. Ä. mit der linken Tafel der Vorderseite;
Thulin, O., Cranach-Altäre der Reformation, Berlin, o. J., S. 9ff., Tafel 4). Als letztes
Bild der Reihe ein Kirchenraum, über dem die Taube schwebt, im Triumphbogen
der Gekreuzigte zwischen Maria und Johannes. Im Vordergrund reichen zwei
Reformatoren das Abendmahl in beiderlei Gestalten.
Das Neue Testament ist lediglich durch die Folge der ganzseitigen Evangelisten und
Apostelbilder von Lucas Cranach d. J. (vgl. Kat.-Nr.'27) illustriert.
Die Folge der Apokalypse wurde aus der Oktavausgabe von 1524 „Das newe testa-
ment deutzsch“, erschienen bei Melchior Lottherd. J. (Schramm, S. 8f., Abb. 85—105),
übernommen. Diese Bilder zur Offenbarung sind im großen und ganzen nur ver
kleinerte Nachschnitte von einem engen Gehilfen und Mitarbeiter des Lucas Cranach
nach dem Dezembertestament von Lucas Cranach d. Ä. Dieses Dezembertestament
schließt sich seinerseits wiederum eng an Dürers Apokalypse an. Was bei Dürer
aber, der sich berechtigt fühlte, aus der Gesamtschau der Offenbarung heraus die
Textvisionen in inhaltlich variierte Bildvisionen dichterisch umzugestalten (Juraschek,
F., Dürers Blatt vom starken Engel, in: Wandlungen christlicher Kunst im Mittel-
alter, S. 398, Forschungen zur Kunstgeschichte und christl. Arch., Bd. 2, Baden-
Baden, 1953), so daß sie aus rein spekulativen Gründen zu weit über die Entstehungs
zeit hinauswachsenden, geklärten Kompositionen wurden, möglich war, wird bei
Cranach und den ihm folgenden Nachschnitten zu spätgotischer, in krause Linien
führung zurückfallender Komposition mit reinem Illustrationscharakter.
Vor allem das Blatt der Vermessung des Tempels zeigt deutlich, wie sehr sich Lucas
Cranach — und nach ihm sein Gehilfe — in den Dienst der Reformation stellte,
um in seinen Bildern heftig gegen Rom zu polemisieren. Kompositorisch lehnt sich
dabei Cranach, wie erwähnt, an Dürer an. Während dieser aber tatsächlich den
Offenbarungstext zu verbildlichen suchte, gestaltete Cranach die Vorlage tendenziös
um. Die beiden Zeugen sind als protestantische Prediger dargestellt, der Drache
trägt ursprünglich die Papstkrone (Bild 11 des Septembertestamentes; Schramm,
Tafel 13, Abb. 22). Die Zeugen deutet Luther als die rechten, frommen Prediger,
die das Wort rein erhalten; das Tier aus dem Abgrund ist der Papst. Das Papst
ungeheuer wird die Zeugen des Neuen Testamentes verschlingen. In der Ausgabe
des Neuen Testamentes von 1522 (Schramm, Tafel 24, Abb. 33) mußte die Papstkrone
in eine gewöhnliche umgestaltet werden, da von gemäßigter Seite bei Kurfürst
Friedrich Einspruch dagegen erhoben worden war. In der Oktavausgabe bei Lotther
von 1524 (Schramm, Tafel 56, Abb. 95) aber wurde die Krone bereits wieder so ver
ändert, daß sie zwar verunklärt, doch aber spürbar das Thema des tiaratragenden
Untiers aufgreift. Virgil Solis schließlich führt in seiner Bibelillustration (vgl. Kat.-
Nr. 68) das Thema, auf Cranachs Polemik zurückgreifend, drastisch weiter.
Lit.: Luther, Martin, Werke. Kritische Gesamtausgabe, Weimar, 1883ff., Bd. 2 —
Zimmermann, Beiträge zur Bibelillustration des 16. Jhs, Straßburg, 1924 (Studien
z. Deut. Kunstg., 226) — Schramm, Albert, Die Illustration der Lutherbibel, Leipzig,
1923 — Vogel, P. H., Europäische Bibeldrucke des 15. und 16. Jhs in den Volks
sprachen, Baden-Baden, 1962 (Bibliotheca bibliographica Aureliana, 5) — Schmidt,
Philipp, Die Illustrationen der Lutherbibel, 1522—1700, Basel, 1962 — Dornik-Eger,
Albrecht Dürer und die Graphik der Reformationszeit, Schriften der Bibi. d. Ö. M., 2,
Wien, 1969, S. 48ff., Nr. 62 — Katalog Lucas Cranach, Das gesamte graphische
Werk, München, 1972, S. 717ff. (vgl. vor allem die Abb. auf S. 730).
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