MAK
LEON BATTISTA ALBERTI 
Traktat über die Malerei 1435. Aus der Widmung an Filippo Brunelleschi. 
„Verwunderung und Betrübnis zugleich pflegte es in mir hervorzurufen, daß 
so viele treffliche und erlauchte Künste und Wissenschaften, die nach Zeugnis 
der Geschichte und der noch sichtbaren Werke bei den von der Natur so 
hochbegabten Alten in solcher Blüte standen, gegenwärtig so selten geübt, ja 
fast gänzlich verlorengegangen sind. Maler, Bildhauer, Architekten, Musiker, 
Geometriker, Rhetoren, Auguren und ähnliche edle und bewundernswerte 
Genien trifft man heute nur selten und (dann) nur wenig zu loben. So dachte 
ich denn — und viele bestätigten mich in diesem Gedanken —, die Natur, die 
Meisterin aller Dinge, schon alt und müde geworden, bringe nun ebensowenig 
mehr Giganten als große Geister hervor, wie sie dies in ihren (gleichsam) 
jugendlichen und ruhmreicheren Zeiten in bewundernswerter Fülle getan. 
Dann aber, als ich nach langer Verbannung, in der wir Alberti gealtert sind, 
in unser von allen andern ausgezeichnetes Vaterland zurückgekehrt war, 
erfuhr ich es, daß in vielen, besonders aber in dir, o Filippo, und in dem uns so 
eng befreundeten Donato, dem Bildhauer, und in jenen andern Nencio und 
Luca und Masaccio ein Geist lebt, der zu jeder rühmlichen Sache fähig ist und 
der durch aus keinem der Alten, wie berühmt er auch in diesen Künsten ge 
wesen sein mag, nachzusetzen ist. Nun aber sah ich stets, daß es nicht minder 
Sache unseres Fleißes und unserer Sorgfalt als Gabe der Natur und der Zeiten 
sei, sich in irgendwelchem Dinge den Ruhm der Tüchtigkeit zu erwerben. So 
bekenne ich dir denn, wenn es jenen Alten bei dem tatsächlichen Reichtum 
dessen, wovon sie lernen und was sie nachahmen konnten, minder schwer war, 
zur Kenntnis jener höchsten Künste, deren Ausübung uns heute so mühsam 
wird, zu gelangen, so muß deshalb unser Ruhm umso größer sein, wenn wir 
ohne Lehrer und ohne Vorbilder Künste und Wissenschaften, von welchen 
man früher nichts gesehen und nichts gehört, auffinden .. .“ (Deutsch nach 
Hubert Janitschek, L. B. Albertis kleinere kunsttheoretische Schriften, Quellen 
schriften für Kunstgeschichte XI, Wien 1877, S. 47). 
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