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Full text: Beiträge zur Geschichte der Gewerbe und Erfindungen Oesterreichs von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart ; Weltausstellung 1873 in Wien ; Erste Reihe: Rohproduction und Industrie

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Wie die Poesie, pflegte die Malerei frühzeitig den Cultus der 
Blume; bekanntlich galt schon der Sikyer Pausias als ein Meister 
der Blumeu-Malerei. Mehr noch aber als Dichter und Maler huldigte 
diesem Cultus von Anbeginn die gesammte zartsinnige Frauenwelt, 
deren innerstes Wesen so sehr der lieben Blumen-Natur entspricht. 
Es hegt ein tiefer Sinn in der uralten Sage des Sanskrit-Volkes, dass 
die schönste Frau des Wischnu, die Pagoda-Siri, aus einer Rose 
geboren sei. 
Die Hand der Frau versteht es vom Hause aus, die Blume 
natur-und kunstgerecht zu behandeln, Sträusse zu binden und Kränze 
zu winden; die Hand einer Frau war es, der wir die erste plastische 
Nachbildung der Blume verdanken. Die Entwicklungs-Geschichte 
der Erzeugung künstlicher Blumen ist ein Stück Geschichte der 
Frauenarbeit. 
Die Verfertigung künstlicher Blumen war als Gewerbe, wie 
allerwärts, so auch in Oesterreich jederzeit keine zünftige, sondern 
eine „freie“ Beschäftigung. Nur die sogenannten „Kranzelbinder“ 
in Wien, 16 an der Zahl, zählten ehedem zu den gewissen „Kammer 
händeln“ und bildeten eine „bürgerliche Innung“, für welche am 
18. April 1749 bestimmte Zunft-Artikel erlassen wurden. Das Erzeug- 
niss dieser „Kranzelbinder“, das heisst wohl der von ihnen beschäf 
tigten weiblichen Lohn-Arbeiterinnen, bestand zumeist in hlos imagi 
nären Nachahmungen der Natur, sogenannten „leonischen“ Blumen 
und Sträussen aus versilbertem und vergoldetem Kupferdrat, Füttern, 
Folien und Seidenstoffen und diente zur Verzierung von Heiligen- 
Bildern und kleinen Altären, zu Kränzen für Verstorbene u. s. w. 
Im Jahre der Aufhebung der alten Zünfte zählte die genannte Innung 
in ganz Nieder-Oesterreich, auf welches Land sie beschränkt geblieben 
war, 48 Gewerbs-Unternehmungen mit einer Steuerzahlung von nur 
332 V, fl. 
Ausser den leonischen kannte man zu Anfang des 19. Jahr 
hunderts in Oesterreich noch vielerlei Gattungen künstlicher Blumen 
und zwar: 1. Papierblumen; 2. Cocons-Blumen aus den Hülsen 
(Galetten, Datteln) der Seiden-Cocons; 3. Blumen aus verschiedenen 
gewebten Zeugen, wie Leinwand, Cattun, Percal, Taflet, Orep,
	        
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