MAK

Full text: Beiträge zur Geschichte der Gewerbe und Erfindungen Oesterreichs von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart ; Weltausstellung 1873 in Wien ; Erste Reihe: Rohproduction und Industrie

326 
Schmuck aus buntem Wachspapier und Flittergold, und erzeugten 
Erstere wohl auch feinere Blumensorten von gefärbten Woll- und 
Seiden-Stoffen. Ausserdem ist sichergestellt, dass sich die Bewoh 
nerinnen beinahe aller Nonnenklöster in den einzelnen Provinzen zu 
jeder Zeit mit Blumen-Imitationen lebhaft beschäftigten. 
In dem gewerbereichen nördlichen Böhmen nimmt das soge 
nannte „böhmische Niederland“ eine durchaus eigentümliche, her 
vorragende Stellung ein. Eine schmale Landzunge, von dem übrigen 
Böhmen durch das Lausitzer und das böhmische Sandstein-Gebirge 
abgetrennt; auf drei Seiten ausschliesslich von deutschem, sächsischem 
Gebiete begrenzt, nahm das böhmische Niederland, ohne inneren 
natürlichen Zusammenhang mit Böhmen, seit Jahrhunderten seinen 
eigenen Entwicklungsgang. Heute zählt dasselbe auf dem verhält- 
nissmässig engen Baume von wenig über 6 Quadrat-Meilen mehr 
als 120.000 Einwohner und erscheint daher als der bei Weitem 
dichtest bevölkerte Landstrich Böhmens und somit auch Oesterreichs. 
Ebenso steht es mit einer Zahl von über 52.000 Arbeitern aller 
Kategorien durch die Mannigfaltigkeit seines gewerblichen Betriebes 
unter den Industrie-Districten des Kaiserstaates unbedingt in erster 
Beihe. An 38.000 Arbeiter beschäftigt allein die Textil-Industrie. 
Die Städte und Märkte Bumburg, Georgswalde, Schluckenau, Hains 
pach, Schönau, Wölmsdorf, Nixdorf, Schönlinde und Warnsdorf 
gemessen in der Handelswelt eines anerkannten Bufes. 
Der Stand der Verhältnisse, namentlich für die weibliche Arbeiter- 
Bevölkerung, war nicht immer ein so blühender wie heutzutage. Die 
einzig denkbare Erwerbsthätigkeit, die Flachs-Spinnerei, warf nur 
einen kärglichen Lohn ab: drei, höchstens vier Kreuzer täglich — 
einen ungestörten Geschäftsgang vorausgesetzt. Da war es denn ein 
überaus glücklicher Gedanke, als vor nunmehr etwa 60 Jahren Mag- 
dalene Bienert in Nixdorf sich damit zu beschäftigen begann, zunächst 
Wachs-Blumen, dann Blumen aus Papier und endlich solche aus den 
mannigfachsten Stoffen zu erzeugen und in den Handel zu bringen. 
Gern bereit, ihre Kunstgriffe Andern beizubringen, vermittelte sie 
gar bald, da das Erzeugniss diesseits wie jenseits der Grenze rasch 
in Aufnahme kam, vielen hundert armen Mädchen und Frauen die
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.