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Otto Wagner und seine Schule
Varnhager von Ense schrieb: „Wenn jeder Mensch mit eigentümlichen Anlagen geboren ist, die sich
aber nur in seltenem Fall entwickeln, sondern meist im Keim zerdrückt werden, oder in schwachen
Regungen doch nur verkümmern, so muß das Hervortreten schon als eine Gunst des Geschickes
gelten, wodurch eine Klasse höherer Menschen ausgezeichnet wird, welche man die wahrhaft
geschichtliche nennen dürfte. Aber auch diese sind es in mannigfacher Abstufung. Viele Hochbegabte,
von großer Kraft und Wirkung, bringen es nicht zu einem neuen Typus, sondern sind am Ende doch
nur Wiederholungen, und militärische wie diplomatische Berühmtheiten in Menge schwinden auf diese
Art wieder ein, wenn ihre Zeit vorüber; Manchem ist nur ein Augenblick des höheren Berufes
gegönnt, und das übrige Leben geht leer voran oder nach. Treten aber bedeutende Eigenschaften
unter äußeren Bedingungen auf, die ihnen durchaus entsprechen, halten die Umstände und das Talent
mit einander Schritt, findet dieses seine volle Entfaltung und behauptet sich in ihr, so sehen wir das
reiche Schauspiel einer gelungenen Menschenblüte, wie sie selten erscheint; und hat sich das Talent
erst seinen Lebenskreis erringen müssen, war es nicht gleich anfangs in ihn gestellt, und zeigt es
noch überdem mit den tiefsten und eigensten Gemütskräften sich verschwistert, so ergeben sich
Erscheinungen, die in ihrer Art schlechthin als einzige dastehn, und der Welt nicht leicht ein zweites-
mal Vorkommen“.
Eine solche einzig dastehende Erscheinung ist Otto Wagner. Überall in der zeitgenössischen Welt,
wo sich noch starker Verstand, gepflegter Geschmack, echter Kunstsinn und Gerechtigkeit vorfinden,
ist Otto Wagner als genialer Baukünstler erkannt und anerkannt. Von der Vielzahl seiner imponieren
den Baugedanken sind in des Meisters Vaterstadt verhältnismäßig wenige zur Ausführung gelangt,
was aber trotz aller mitunter sehr schwer zu überwältigenden Widersacherei an verschiedenen
markanten Stellen des Stadtbildes von Wien entstand, und zwar vom einfachen Wohnhaus bis zum
Oonau-Nadelwehr, von der im Gartengrün eingebetteten Villa bis zu den Stadtbahnanlagen, von dem
ersten wahrhaft modernen Bureaubau, dem Gebäude der Postsparkasse, bis zu der ersten modernen
Kirche der Welt, verleiht dem neuzeitlichen Wien, trotz der angestrengten und tückischen Bemühungen
der architektonischen Mummenschanz treibenden Stilkopisten, das eigentlich moderne architektonische
Gepräge, und zwar ein für lange Zeit unverwischbares Gepräge, das in Zukunft für eine gewisse
Bauepoche ebenso charakteristisch sein wird, wie das ihr seinerzeit von Fischer von Erlach gegebene.
Eine ungemein reich begabte Natur, deren Fülle unerschöpflich scheint, verfügt Otto Wagner neben
andern wertvollen Kräften auch noch über die sehr seltene Fähigkeit des Lehrenkönnens. Als er an
die Wiener Kunstakademie berufen wurde, um daselbst Baukunst zu lehren, galt ödestes Stilkopieren
für künstlerisches Schaffen, leerer Formenabklatsch für richtigen Kunstausdruck, und verpönt war
jede selbständige künstlerische Regung, die in neu gefundenen Formen dem Geiste der eigenen
Zeit künstlerischen Ausdruck zu geben trachtete. Otto Wagner erklärte mutig aller künstlerischen
Stümperei, frech sich aufdrängenden
Impotenz und geschmackverlassenen
wahllosen Anhäufung längst sinnlos,
weil zweck- und stilwidrig gewordenen
Schablonenformen den Krieg, und erzog
als verehrter Meister und Führer eine
tapfere Schar begabter Architekten, die
man wohl als die vorgeschrittensten
der Welt bezeichnen darf. Solcherart
schuf er in lebendigem Stoff überaus
Wertvolles für die Zukunft. Er hat keim
kräftige Saat ausgestreut, die reiche
Frucht tragen wird, und dies mag ihm
Vignette
ein Trost sein, wenn er eigener
unausgeführt gebliebener Baupläne
gedenkt und der ihm aufgezwungenen
Kämpfe, die tief unter seinem Niveau
liegen, an die er wertvolle Kraftmengen
vergeuden mußte. Was Otto Wagner
trotzdem ohne Zaudern, ohne innere
Schwierigkeit, ohne Prahlerei an bau
künstlerischer Arbeit vollbrachte, ist
eingedenk der Begleitumstände so
Vieles, so Bedeutendes und so Schönes,
daß es ihn zum größten lebenden
Baukünstler macht. A. R-r.
Franz Kaym