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er auf seinen Wunsch angewiesen, alle seine von den regelmässigen
Amtsstunden freie Zeit der Erfindung von Modellen, Gefässformen und
Zeichnungen, wozu die Amtsstunden nicht hinreichten, für die Fabrik zu
widmen. Es heisst darüber in dem Bericht Sorgenthal’s: „Seine ihm
bei der Fabrik aufgetragene Beschäftigung, wo ihm die Leitung der
Bossirer, Modelleure, Weiss- und Formendreher obliege, wo er zugleich
die Mitaufsicht bei den Malern, hauptsächlich bei den Figurenmalern hat
und den Geschmack und die Kunst dort ordnen muss, nehmen ihm so
viele Zeit weg, dass er in den vorgeschriebenen Arbeitsstunden unmöglich
auf neue Erfindungen denken, viel weniger daran arbeiten kann. Nur
die übrigen Stunden, mit Einbegriff der Sonn- und Feiertage, bleiben
ihm dazu übrig, wo er für andere Künstler Zeichnungen und Formen
machte, die schwerlich ihres Gleichen finden dürften. Der Porzellan
fabrik müsse daran gelegen sein, die Fähigkeit dieses Künstlers selbst zu
benützen. Die Fabriksdirection wäre des Dafürhaltens, dass, wenn jährlich
nur zehn von ihm modellirte Gruppen, Figuren, Vasen und Dessertstücke
in der Fabrik neu erscheinen, die Abnehmer gewiss damit zufrieden
gestellt, der Ruhm der Fabrik erhöht und der Waarenabsatz, folglich
auch der Nutzen vermehrt wird.“ (Bericht vom 5. August 1797.)
Wenn einer der Künstler erfolgreich zu dieser Glanzperiode der
Fabrik beigetragen hat, so war es Grassi. Leider starb er der Fabrik
viel zu früh, mitten in kräftigster und reifster Thätigkeit stehend. Erst
52 Jahre alt schied er am 3i. December 1807 aus dem Leben.
Grassi war auch der Führer, welcher vor allem die Fabrik, ent
sprechend dem Umschwung des Geschmackes in den letzten Jahrzehnten
des vorigen Jahrhunderts, auf den neuen künstlerischen Weg leitete.
Man mag gegenüber dem Rococo diesen neuen Kunststil, der sich auf
antiken Ornamenten und Formen erhob, in Bezug auf das Porzellan
geringer schätzen; gewiss ist aber, dass die Wiener Fabrik gerade mit
diesem neuen antikisirenden Stil ihre höchsten Triumphe feierte und sich
für die Jahre der Sorgenthalischen Verwaltung auch künstlerisch auf den
ersten Stand unter allen ihren Concurrenten erhob. Noch heute sind die
Arbeiten dieses Stils und dieser Epoche als Antiquitäten vor ihren Vor
gängern und Nachfolgern geschätzt. Die Wiener Fabrik gelangte zu
solcher Höhe, dass sie selbst die Führerin war und als solche galt,
während Meissen sich schwer gegen die Strömung des Geschmacks von