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auch im Porzellan zum Ausdruck, wo es nicht ganz am Orte war, denn
dieses eignet sich nur für kleine Gegenstände, und kleine Gegenstände
werden leicht aff'ectirt, wenn man sie zu ernsthaft nimmt. Das ist viel
leicht der Fehler, den man den plastischen Arbeiten Grassi’s und seiner
Schule vorwerfen kann.
Die Folge dieses Umschwunges war einmal die Einführung nackter
Figuren statt der bekleideten, antiker Gestalten von Göttern und Halb
göttern, von Grazien und Nymphen und Bacchantinnen statt der Bürger
und Bürgerinnen, Schäfer und Schäferinnen. Zuweilen findet man auch
wohl sentimentale Motive, einen Denkstein mit einem Genius u. dgl.
Der Stil ist natürlich möglichst grossartig, gelassene Ruhe und absichts
volle Grazie, wie man sie den Antiken absah oder abzusehen glaubte.
Eine zweite Folge war nur äusserlich, aber vollkommen innerlich
begründet. Der neue Geschmack, der nur den antiken Marmor, nur die
reine Form im Sinne hatte, musste nothwendig ebensowohl an der
Glasur, wie an der Bemalung der Rococofiguren Anstoss nehmen. Er
liess also beides hinweg und führte statt dessen das Biscuit ein, das
unglasirte Porzellan, das mit dem Marmor am meisten Aehnlichkeit zeigte.
So sind alle plastischen Arbeiten dieser Zeit aus der Wiener Fabrik. Eine
grosse Blumenschale im Oesterreichischen Museum ist von vier weiblichen
Figuren in Biscuit getragen, die eine Höhe von anderthalb Schuh haben.
Man kann keinen grösseren Unterschied sehen, als sich in diesen
plastischen Arbeiten ausspricht, wenn man sie mit den Werken der
Rococozeit vergleicht. Der ganze Wandel in Geist und Geschmack der
Zeiten manifestirt sich darin. Alles in allem genommen gehört aber die
Art, wie die vielfach so unerträgliche antikisirende Richtung dieser Periode
in den Werken der Wiener Porzellanfabrik zur Zeit von Sorgenthal’s
Leitung zur Erscheinung kommt, zu ihren erfreulichsten und liebens
würdigsten Seiten.