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Für das Auge des Laien hatte Niedermayr vielleicht Höheres
geleistet, d. h. er verlangte von der Porzellanmalerei Aufgaben, welche
über die Grenzen des Materials hinausgingen. Sorgenthal hatte sich
durchweg bemüht Geräth zu schaffen, so schön und so reich verziert wie
nur möglich. Abgesehen von der Biscuitplastik, die sich schon unter ihm
befreit hatte, scheint er ganz in diesen Grenzen geblieben zu sein. Unter
Niedermayr entstanden natürlich auch dergleichen Arbeiten, wie z. B.
eine Reihe Vasen mit den Gemälden des Rubens’schen Decius-Cyklus in
der Liechtenstein-Galerie, gemalt von Liep, noch zu dem Schönsten
gehört, was die Fabrik in dieser Art geleistet hat. Aber Niedermayr blieb
nicht dabei stehen. Er wollte mit der Malerei wetteifern; und so entstanden
auf kleineren und grösseren Porzellantafeln selbst eine Reihe Gemälde,
die eben mit dem gleichen Ziele und den gleichen Gegenständen, selbst
religiösen, die Ansprüche der Oelgemälde erheben, deren Copien sie doch
nur in den weitaus überwiegenden Fällen sind. Man sieht nicht ein, warum
dergleichen mit mehr Schwierigkeit, Gefahr und Unbequemlichkeit auf
Porzellan ausgeführt werden muss. So wurden Material und Technik zu
forcirten Leistungen gezwungen.
Dieses Schicksal traf noch insbesondere die Blumenmalerei, von
der eine Anzahl Tafelgemälde im Oesterreichischen Museum erhalten sind.
Wenn man solche Gemälde als Ziel stellt, so kann man die Blüthe der
Blumenmalerei für die Wiener Fabrik in die Niedermayrische und nicht
in die Sorgenthalische Periode versetzen. Anfangs hielten sich diese
Blumengemälde im Stil der alten Meister, copirten auch einzelne derselben
wie von van Huysum und Rachel Ruysch; bald aber wurden sie selb
ständiger und mit der Selbständigkeit gemäss dem Zeitgeschmack bunter
und bunter. Da die Blume alsbald im neunzehnten Jahrhundert fast das
einzige Motiv der Decoration wurde, so hatten jene Arbeiten allerdings
das Verdienst die Geschicklichkeit des Künstlers zu erhalten, andererseits
leisteten sie aber auch dem rohen Naturalismus Vorschub, der gerade
auf Grundlage der Blumenmalerei die kunstindustriellen Arbeiten während
vier oder fünf Jahrzehnte so unerträglich gemacht hat.
Aber schon bevor dieser naturalistische Blumengeschmack alles
überwuchert, lässt sich das beginnende Verderben an den feineren und
leichteren Gegenständen nachweisen. Das gilt nicht sowohl von den
Formen als von der gemalten Decoration. Die Geschirrformen der Sorgen-
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