102 RENAISSANCE-STUTZUHR, TYPUS TÜRMCHENUHR
Andreas Ron
Deutsch, 1572
Bronze vergoldet
40,5 : 29 : 22,5 cm
Österr. Museum, LKH 516
Grundriß rechteckig. Als Füße Schildkröten, auf profilierten Basen gegossen. Darauf
mehrfach profilierter Ebenholzsockel mit Lade für Schlüssel, als Beschlag gehörntes
Maskaron mit Ring. Der Uhrkörper in allen Teilen gegossen. Sockel flach ausladend,
leicht eingezogen, und mit knappen Eckvorsprüngen; als Fries Rollwerk mit Figuren,
groteske sitzende Satyre, Dreiergruppe aus nacktem Mann und zwei sitzenden Frauen.
Das Gehäuse eingefaßt von reich gegliederten Eckpilastern aus Sockeln mit Roll
werkkartuschen, weiblichen Karyatiden mit Blattwerk. An den Gehäusewänden
Flachreliefs mit Trophäen. Der Deckel kappengewölbt mit aufgeschweifter Spitze,
mit Band- und Rahmenwerk, Rollungen, Halbfiguren, geflügelten Engelsköpfen und
Löwenmasken, eine Rollwerkgroteske in Durchbruchsarbeit. An den Ecken Hippo-
kampen. Als Bekrönung auf einer Basis mit Löwenmasken und Voluten ein Fortuna-
figürchen. Die Goldschmiedearbeit dieses Gehäuses ist von hervorragender Schönheit
in Ziselierung und Feuervergoldung, die sich mit den besterhaltenen Exemplaren in
anderen Museen vergleichen läßt.
Auf der Vorderseite das große Hauptzifferblatt mit sieben konzentrischen Indikations
ringen. Der äußerste mit Tastknöpfen 1—24 arabisch geteilt, der nächste (Silber)
außen I, II, III, IV für die Viertelstunden, dazwischen Minuteneinteilungen von
5 zu 5 Minuten, darinnen römische Ziffern zweimal 1—12. Dann folgt das in der
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts für die hochwertigen Meisterstücke unabdingbare
Tag- und Nachtindikationsblatt, bestehend aus dem äußeren, 1—24 arabisch geteilten
Ring, den zwei ineinander verschachtelten Segmenten (hier falsch zusammengesetzt),
der dunkle die Nachtlänge, der helle die Taglänge angebend, und innen ein weiterer
1—14 arabisch geteilter Ziffernring. Man kann nach diesem System bei richtiger
Einstellung nicht nur Tag- und Nachtringe, sondern auch Sonnenaufgang, Sonnen
untergang sowie die italienischen und babylonischen Stunden ablesen. Unter dem
Hauptzifferblatt zwei kleine Hilfszifferblätter, links mit dem Sonnenzyklus (Cyclus
solaris) mit den Sonntagsbuchstaben in der üblichen Reihenfolge, und zwar für die
Jahre 1569—1674. Rechts das kleine Hilfszifferblatt, das die Beschriftung „Pascha
usitatum“ trägt, gibt den Mondzyklus (die goldene Zahl) für den Zeitraum von
1567 bis 1668 an. Auf der rechten Seite vom Hauptzifferblatt aus gesehen ist der
Aufzug für das Stundenschlagwerk und das Schlagzifferblatt von 1 bis 12. Auf der
linken Seite das Viertelstundenzifferblatt I—IV. Auf der Rückseite der Uhr ist ein
großes Astrolabium planisphaericum als Hauptzifferblatt, die Sonnen- und Mond
zeiger außen mit Tastknöpfen. Darunter der Aufzug für das Hauptgehwerk und
zwei kleine Hilfszifferblätter: links wohl für die Einstellung der Polhöhe des Tag-
und Nachtsystems, wie es bei diesem Uhrtypus üblich ist, rechts für die Wecker
einstellung. Am oberen Simsrand der Vorderseite die Signatur: „Andreas Ron in
Augusta.“ Beiderseits eine Punze, offenbar das Augsburger Stadtzeichen. An gleicher
Stelle rückwärts 1572, beiderseits AR.
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