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findet man endlich die ausserordentlich Schwung- und
ausdrucksvollen Bilder der Heiligen: Katharina und
Andreas, Rupert und Erentraud (Nr. 15).
Daran reiht sich jener grosse Pocal aus vergolde
tem Silber, der ein Eigenthum der Stadtgemeinde Wiener-
Neustadt und unter dem Namen Corvinusbecher bekannt
ist, ein Gefäss von höchst eleganter Form. Am sechs
blätterigen Fusse, am Nodus und am Deckel, der eine
Krone bildet, sowie an der Schale, welche Theile mit
ineinandergreifenden Buckeln besetzt sind, findet sich
aufgelegtes Blumenwerk, mit Email geschmückt und frei
Fig. 19. (Prag.)
gearbeitetes Blattwerk in höchst geschmackvoller Weise
und in seltener Vollkommenheit. Auf der Spitze des
14'' hohen Deckels ein kniender Mann mit einem Wap
penschildchen. Dieses mustergiltige Meisterwerk der
Goldschmiedekunst dürfte im XV. Jahrhundert entstan
den und soll ein Geschenk des ungarischen Königs
Matthias Corvinus an diese Stadt sein (Nr. 16, Fig. 101).
Ungarische Archäologen bezweifeln jedoch die Richtig
keit dieser Tradition.
Ein den Freunden mittelalterlicher Kunst ziemlich
bekanntes Prachtgefäss ist das Klosterneuburger Osten-
sorium (Nr. 18), bestimmt zur Aufnahme und Schau
stellung von Reliquien. Da die die Kunstwerke der Vorzeit
umfassende Abtheilung der Weltausstellung noch meh
rere und höchst verschiedenartig geformte Reliquiare
enthält, so sei es gestattet, einige Worte über diese
Gefässe vorauszusenden. Vermöge der Bedeutung der
Reliquien für die katholische Kirche hemühte sich die
Kunst schon in alten Zeiten die für diesen Zweck be
stimmten Gefässe in einer würdigen Form anzufertigen.
Sie waren entweder kleine Kästen (Schreine) oder
Büchsen, oft prachtvolle Särge mit zugespitzten Dache,
theils aus Metall, theils aus Elfenbein. Bei der steten
Fortentwicklung der Kunstformen blieben die Reliquiare
nicht zurück, und insbesondere wusste der gothische
Styl seinen Einfluss auf dieselben in entscheidender
Weise geltend zu machen; aus den kleinen Schreinen
wurden grosse, Kirchenmodell ähnliche Truhen, aus
den kleinen Büchsen grosse Ostensorien. Wir begegnen
auch Standfigürchen von Heiligen, welche zur Aufnahme
der Reliquien rückwärts zu öffnen waren, andere trugen
das Reliquiar auf den Händen, anderen Reliquiare bekom
men die Form eines Armes oderFusses, oder Kopfes, je
nach der Reliquie, diesieverschliessen sollten. Am häufig
sten findet man die Form von Monstranzen und Kreuzen,
davon die letzteren hauptsächlich zur Aufbewahrung
von Kreuzpartikeln dienen. Das Reliquiar von Kloster
neuburg, aus vergoldetem Silber, 2' 4" hoch, baut
sich auf einem achttheiligen, mit vier vorspringen-
den Feldern versehenen Fusse auf. Der polygone
Ständer ist mit einem sechseckigen gothisch orna-
mentirten Knaufe besetzt. Der zur Aufbewahrung der
Reliquie bestimmte, oben und unten mit einem Lilien-