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Full text: Die österr. kunsthistorische Abtheilung auf der Wiener Weltausstellung (Exposition des amateurs)

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Auf einem Postamente stellt Maria (P hohes Figürchen), 
auf dem Arme das ganz bekleidete Kind, welches seinen 
rechten Arm um ihren Hals schlingt, sie blickt es freund 
lich an und zeigt ihm ein Spielzeug, welches sie in der 
rechten Hand hält (Fig. 20). Daneben die Verkündigung in 
3" hohen Figuren: Maria stehend den Mantel Uber den Kopf 
gezogen, den Blick zu Boden gesenkt, ein Buch in der 
Hand, eine freie liebliche Gestalt, — der ungeflügelte 
Engel mit kurz gelocktem Haar, im weiten Mantel, in der 
Linken die Schedulamit: „ Ave Maria“, die Rechte in eigen- 
thümlicher Haltung gegen Maria ausgestreckt (Fig. 21); 
ferner ein Mann mit gekräuseltem Haar und Bart vorwärts 
schreitend, in der Rechten eine Krone (vielleicht einer 
der heiligen drei Könige) , endlich unten vier keine 
Halbfiguren von freundlichem Gesichtsausdrucke, Kronen 
auf den Händen tragend, möglicherweise die quatuor 
eoronati vorstellend (Fig. 22). Diese Figürchen scheinen 
Bestandtheile eines grösseren Reliquienkästchens gewe 
sen zu sein, ihre jetzige Zusammenstellung ist ganz will- 
kührlich. Haare und Verzierungen sind theils grau bemalt, 
tlieils vergoldet, Augen, Wangen, Lippen, sowie das 
Futter der Gewänder sind leicht bemalt. Die Köpfe 
erhalten einen eigenthümlichen Ausdruck durch den 
lächelnden Mund mit hinaufgezogenen Winkeln und die 
schmal geschlitzten Augen; dieser so wie die leicht 
geschwungene Haltung, die mageren Hände mit eckiger 
Bewegung, die feinen Falten der Gewandungen bezeich 
nen die Kunstrichtung des XIII. Jahrhunderts , wo bei 
lebendiger Empfindung und Streben nach Charakteristik 
eine gewisse gesuchte Zierlichkeit die Stelle der Anmuth 
vertritt (Nr. 155 des Katalogs, Berichte des Alt. Ver. 
V. B.). 
In der Mitte des auf diesem Tische befindlichen 
Glaskastens prangte das grosse Reliquienkreuz aus 
dem Stifte St. Paul, auf dessen Existenz Prälat Seb. 
Brunner zuerst aufmerksam gemacht hat. 
Der Gebrauch des Kreuzes reicht bis in die früh 
christliche Zeit zurück, wo man es bei Processionen vor 
trug und in den Kirchen zunächst des Altars in der Höhe 
aufrichtete; später erhielt es einen bevorzugten Platz am 
Altäre selbst, wo selbst es bis heutzutage blieb. Beson 
ders zur Zeit des romanischen Styles verwendete die 
Kunst mit Vorliebe all die ihr zu Gebothe stehenden 
Verzierungsweisen zum Schmucke dieses Symbols des 
christlichen Glaubens; Platten von Edelmetall, oder mit 
herrlichem Email, Besatz von Steinen, Glasfüssen und 
Perlen, Niellos und Gravuren, Filigranornamente dien 
ten zur Verzierung des meisten in seinem Kern aus 
Holz angefertigten Kreuzes, das gewöhnlich zugleich 
als Vortrage- und Standkreuz gebraucht wurde. Ausser 
dem legte man darein, wie schon erwähnt, gerne Splitter 
vom heil. Kreuze oder Reliquien. Die Gestalt Christi ist 
auf den älteren Kreuzen noch jugendlich, bartlos, die 
Hüften werden bis unter die Knie von einem Rocke 
bekleidet, die Flisse stehen neben einander auf einem 
Brette oder einem Kelche; das Haupt ist meistens 
gekrönt. 
Aus der romanischen Zeit waren vier sehr merk 
würdige Kreuze ausgestellt, darunter das nun zu be 
sprechende das reichste und werthvollste ist. Dieses, 
wie schon erwähnt, dem Stifte St. Paul gehörige Kreuz 
besteht im Innern aus hartem Holz und ist nach aussen 
mit Metallplatten bekleidet. Das Kreuz ist 83 Cen- 
timeter hoch, der Querbalken hat 66 Centimeter, an den 
Enden des Querbalkens und oben ist es mit je einem 
Quadrate abgeschlossen, welches eine rahmenartige, 
einen Centimeter über das Kreuz herausragende Erhö 
hung hat. An den vier Enden des Balkens sind die Sym 
bole der vier Evangelisten angebracht. In der Mitte des 
Kreuzes wird unter einem Krystallglasverschluss die
	        
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